Verfasst von: hendrikkussin | J000000Freitag08 16, 2007

4. Monatsbericht

Wir haben die freie Welt Mexikos verlassen, die bestimmt wird von korrupten Politikern, Wahlbetrug und Verbrechen gegen die Menschenrechte, und haben uns in den Dschungel der Bananenrepublik Kubas begeben – Kinder fressende Kommunisten ohne Herz und Anstand, die versuchen ihre Ideologie durch Mord und Totschlag ueber die gesamte Welt zu verstreuen. Genauso, aehnlich oder komplett anders haette man es wohl in jedem Geschichtsbuch des Kalten Krieges nachlesen koennen.

Man koennte jetzt versuchen diesen Bericht in diesem etwas ironischen Stil weiterzuschreiben, da nur Humor dabei hilft, die bittere Wahrheit und Realitaet, mit welcher die Kubaner taeglich konfrontiert werden, zu vergessen. Ich widme diesen Bericht den elf kubanischen Familien, bei denen wir in diesen zwei Wochen lebten, aber speziell den Menschen aus der Calle K, die uns wie Soehne und Toechter aufnahmen, das Wenige, was sie besitzen, teilten und unser Leben fuer einige Tage mit Freude fuellten. Dieser Bericht muss wohl als reinster Subjektivismus verstanden werden, angefertigt von Notizen, die ich waehrend unserer Reise gemacht habe, so ehrlich bin ich. Aber er wird allen, die an der kubanischen Kultur interessiert und vielleicht priviligiert sind und die Systemkriege zwischen Sozialismus und Kapitalismus nie miterleben mussten, da es ihr Geburtsdatum nicht erlaubte, dabei helfen zu verstehen…

Ich denke ich kann sagen, dass ich Menschlichkeit noch nie so stark empfunden, weder nachempfunden habe, sodass Systeme, die im eigentlichen Sinne fuer die Menschen geschaffen wurden, sich bei der Betrachtung der Wirklichkeit Karl Marx jedoch wohl im Grabe umdrehen wuerde, an Bedeutung verlieren. Dieser Urlaub war mehr als Urlaub…Es war wohl eine der schoensten, informativsten, beeindruckensten, aber leider auch traurigsten Zeiten meines Lebens. Noch nie habe ich mich mit Menschen mehr identifiziert gefuehlt als mit den Kubanern. Es ist wohl mein Jahr 68`, nur ohne Ideologien und Systemvorstellungen. Das was zaehlte, war Menschlickeit…


Haetten wir uns dafuer entschieden lieber an den Strand zu gehen, unsere Koerper, gemaeß dem Modewahn zu braeunen und die Einladung der Menschen der Calle K, mit ihnen zusammen auf eine Feier zu gehen, abgeschlagen und nicht den gesamten Tag mit diesen wunderbaren Menschen verbracht haetten, haetten wir all dies nie erlebt und diese Tage waeren anders verlaufen. Jede Entscheidung, die man im Leben trifft, beeinflusst jede weitere Sekunde. Das Wichtigste war wohl, dass wir die Zeit nicht als Touristen verbracht haben, sondern jede Sekunde versucht haben mit den Menschen zu leben.

Die große Luege Kuba…

Da wir jederzeit in casas compartibles (Wohnungen, die von Kubanern an „Touristen“ vemietet werden) wohnten, haben wir ungefilterte Informationen erhalten, direkt von der Basis, vom kleinen Mann, der Kuba leider leben muss. Kuba ist eine große Luege, ein Myhos, der ueber die Jahrzehnte aufgebaut wurde. Ich kann nach dieser Zeit all die Menschen nicht mehr verstehen, die Che Guevara T-Shirts tragen und somit ein System glorifizieren und verherrlichen, dass systematisch keinen Platz fuer Menschlichkeit laesst. Große wirtschaftliche Probleme, die wohl teilweise vom 1961, vom US-amerikanischen Praesidenten Kennedy erlassenen, Handelsembargo ruehren, soziale, im Speziellen rassistische Probleme innerhalb der Bevoelkerung, die diesen sozialistischen Traum von Gleichheit wie eine Seifenblase zerplatzen lassen. Kinder von privilegierten Generaelen der Partei werden auf brutalste Weise massakriert, Koerperteile abgetrennt und Zigarren auf der Haut ausgedrueckt. „Kuba wird sich irgendwann einmal selbst auffressen“, so Annibal, ein siebenundsiebzig Jaehriger, der aber noch genau weiß, wie man mit zwanzig-jaehrigen Frauen Salsa zu tanzen hat. Die Hoffnung auf einen Uebergang, nachdem Fidel und sein Bruder Raul, der ja auch schon die besten Tage seines Lebens hinter sich hat, das Zeitliche gesegnet haben, ist sehr groß. Die „Alten“, die noch nie einen anderen Platz oder Ort der Erde gesehen haben, haben jedoch die Hoffnung schon verloren. Jedoch waechst meiner Meinung nach eine neue Generation von Menschen heran, die vielleicht die staatliche Propaganda besser reflektieren koennen – „Wir bauen eine Bruecke von Venezuela bis nach Kuba“, so eine der taeglichen Nachrichten des kubanischen Fernsehens, das suggeriert, dass Kuba die Welt sei und sich die Sonne um Kuba drehen wuerde. Natuerlich sind die Wirtschaftsbeziehungen, speziell durch den Linksrutsch in Venezuela immer staerker geworden und die Taxifahrer danken Chavez, dass die Kubaner nun billiges und subventioniertes Benzin und Oelvorraete aus Venezuela erhalten.

Aber um diese Art von Propaganda zu fabrizieren muss man wohl denselben momentanen Geisteszustand haben wie Fidel, der wie jeder weiß auf dem Sterbebett liegt.

Die Gedanken sind frei, die kann dir keiner nehmen, noch verstaatlichen

Menschen mit Traeumen und Visionen wachsen heran, wie z.B. Nina, eine 19-Jaehrige, die Kuba nur verlassen moechte, nachts in ihrem Bett weint und generell mit der Wirklichkeit nicht zurecht kommt, da Sozialismus dieser Art keinen Platz fuer Freiheiten laesst. Da nuetzt es auch nichts, dass die von der Regierung ausgehende Propaganda den Menschen suggeriert, dass da Wichtigste im Leben die Familie sei. Fuer eine andere Bekanntschaft, Alejandro, ein vierundvierzig-jaehriger Kuenstler, der seiner Stimme nach zu urteilen sein gesamtes Leben geraucht hat und vielmehr ein Mitglied der Rolling Stones sein koennte, ist die Familie jedoch das Wichtigste.


Als Kuenstler konnte er schon viel reisen. Durch so genannte Einladungen konnte er bereits Mexiko und England sehen. Seine beiden kranken Eltern und seine Kinder zwingen ihn jedoch in Kuba zu bleiben. Man ist dem System ausgeliefert, steckt in einer Situation, die man selbst nicht aendern kann. Dies bedrueckt die Menschen. Kuba ist wie ein Stein im Meer, der langsam vom Salswasser aufgefressen wird. Auf ewig kann dieses System nicht bestehen, hoffen wir dies zumindestens. Obwohl sie oberflaechlich gluecklich wirken, brodelt es in ihnen vor Wut und Zorn. Sie identifizieren sich mit Kuba, mit ihrem Heimatland, aber hoffen auf einen baldigen Wechsel. Vielleicht werden die naechsten „Wahlen“ aber auch mit einem toten Praesidenten, der ganz geheim dem Spott der Menschen ausgesetzt ist, statt finden. Fidel koennte sterben und niemand wuerde es merken.

Wir saßen zusammen am Malecon, der Flaniermeile Havannas, welche direkt am Meer liegt. Sternenhimmel und Meeresrauschen kann selbst im „sozialistischen Paradies“ beeindrucken.

Schau mal, dahinten ist Miami“, sagte Nina ironisch. Drei Millionen Kubaner, die irgendwann, irgendwie die Moeglichkeit wahrgenommen haben und die siebentausend Dollar aufbringen konnten, um in voellig ueberfuellten Booten in die USA zu fliehen, wuerden dort am Ufer stehen und Nina zuwinken. „Nein, das waere gemein, fast unmenschlich. Ich hier und sie grueßen mich mit einem haemischen Lachen.“ Natuerlich konnten wir Miami nicht sehen. Es war einer der vielen Frachter, die einen großen Bogen um Kuba machen muessen. Auch wenn es nur siebzig Meilen sind, die dem Wort Freiheit mit jedem Schritt, dem man den Staaten naeher kommt, eine andere Bedeutung geben, Miami bleibt in den Koepfen der Menschen.

Eine Insel mit zwei Waehrungen und dem tiefen, weiten Meer, mit viel Tunnels und Gleisen und das frei sein scheint so schwer…

Irgendein Grund muss ja bestehen, dass sich dieses sozialistische Land noch so lange nach dem Fall der Mauer halten konnte und kann…Meine Prognose: Tourismus. Es ist eine Schande, dass Kuba schoene Frauen und Straende hat, wohl die Hauptgruende warum Millionen von Menschen jedes Jahr kommen und helfen, egal ob gewollt oder ungewollt, eine Diktatur aufrecht zu erhalten, die ihre besten Tage, wenn ueberhaupt schon gesehen hat. Touristen bezahlen, alleine fuer das Visum, 15 Dollar. Moechte man Kuba wieder verlassen, kennt der Sozialist keinen Spaß und entwickelt doch „kapitalistische“ Zuege. Sie verlangen von jedem Touristen weitere 25 Dollar. Kuba ist wohl das einzige Land der Welt, deren Marktwirtschaft insgesamt vier Waehrungen, Euro, Dollar, Peso Compartible ( eine Kunstwaehrung, die speziell fuer Touristen eingefuehrt wurde ) und die kubanische Waehrung, aushalten kann. Oft kommt es vor, dass Touristen fuer ein Produkt den selben Preis bezahlen muessen, dies jedoch unwissentlich in Pesos Compartible tun und somit das zwanzigfache des Normalpreises blechen.

Mit diesen 25 Dollar, oder sogar weniger, muss der 32-jaehrige Ricardo, der einen Monatslohn von insgesamt 17 Dollar hat, eine gesamte Familie durchbringen. Wenn man sich ueberlegt, dass ein Kilo Tomaten auf dem Schwarzmarkt sieben Dollar kosten, faengt man an, den Glauben an die Menschheit zu verlieren. Ueberleben kann er nur, indem er irgendwelche illegalen Geschaeftchen treibt und sich jeden Monat Geld von Verwandten aus den USA und Costa Rica zukommen laesst.

Neun bis ca. 20 Dollar, dies ist der durchschnittliche Monatslohn. Von dem Geld wuerde eine Person in Deutschland einen gemuetlichen Abend im Kino verbringen. In Kuba muss von diesem, ich nenne es mal „Geldchen“, Kleidung gekauft werden. In Deutschland und dem gesamten europaeischen Raum redet man ueber den Stress der Menschen. Wenn man eine Statistik des Stresses der Menschen in Kuba anfertigen wuerde, wuerden die Zahlen und Daten in den Himmel ragen. All dies nur um ueberleben zu koennen. Erfindergeist ist gefragt. Fuer einen Pullover, der auf Grund des Handelsembargos nicht importiert werden kann und deshalb in Kuba angefertigt wird, muessen ca. neun Dollar den Besitzer wechseln.


Die groessten Probleme, die die Menschen haben, sind die die kleinsten Dinge des Lebens. Wohnungen zu mieten oder Autos zu besitzen laesst der sozialistische Gedanke nicht zu und fuer all diese natuerlichen Dinge des Lebens, jedenfalls in der Ersten Welt, braucht man Genehmigungen. In Kuba kann man selbst mit Geld seine Sorgen und Probleme nicht loesen.

All die Erfahrungen und Begegnungen machten wir auf dem 32. Geburtstag von Amandu und auf weiteren Treffen (Minigolf, Besuch eines Baseball-Spiels…) und Verabredungen mit den Menschen aus der Calle K.

Nur fuer heute…

Eine ganz besondere Bekanntschaft machten wir mit Alfredo. Ein zweiundfuenfzig-jaehriger Ex-Alkoholiker, der aus Guantanamo stammt. Sein Sohn, der genauso wie er jahrelang in der amerikanischen Militaerbasis gearbeitet haben, die die USA eigentlich nur fuer neunundneunzig Jahre gemietet hat, jegliche Vertraege und Vereinbarungen jedoch nicht eingehalten wurden, konnte auf Grund einer Verletzungen in die USA emigrieren. Guantanamo sei nach Alfredo amerikanischer als Amerika. Mc Donalds, Metros und andere amerikanische Exportschlager bestimmen das Stadtbild Guantanamos, zu welcher Kubaner jedoch nur mit Auflagen Zutritt haben.

Ab in die Provinz…zweispaltiges Gedenken an tote Revolutionaere

Santa Clara ist ca. 3 Autostunden von Havanna entfernt. Wir warteten ca. drei Stunden in „La Coubre“, einer Busstation, welche ueberfuellt ist mit Menschenmassen, nur um die Information zu erhalten, dass Touristen diese Art des Reisens nicht zusteht. Kubaner bezahlen normalerweise zehn Peso Compartible, Touristen bezahlen fuer ein Taxi etwa einhundert. Die Taximafia in Kuba ist sehr stark ausgepraegt. Da kann es schon mal passieren, dass Preise telefonisch abgesprochen werden und Klienten gewaltvoll davon abgehalten werden, guenstigere Taxis zu nehmen.

Wir lernten zwei weitere Kubaner kennen, Claudio und Omnosi. Sie halfen uns letztendlich doch noch am 24. Dezember irgendwie die staubige, mit Schlagloechern besaehte Careterra zu nehmen. „Ihr sprecht kein Spanisch, wenn euch irgendwer fragt. Lasst uns alles regeln“, sagte der etwas skurril wirkende Taxifahrer. Kubaner duerfen keine Touristen mitnehmen, in dieser Situation waren wir vollkommen ausgeliefert und ich muss sagen, dass ich zum ersten und letzten Mal wirklich Angst hatte. Undurchsichtige Geschaefte am Rande der Legalitaet, der einzige Weg, um in Kuba irgendwie durchzukommen.

Wir kamen am 24. Dezember in Santa Clara an, „doch sie fanden keine Herberge zum naechtigen“. Die gesamte Stadt war komplett ausgebucht und symbolischer kann man das Weihnachtesfest wohl nicht nachempfinden. Wir fuehlten uns wie Josef und Maria.

Letztendlich kamen wir in einem zweihundert Jahre alten Kolonialhaus unter. Der Vermieter Leonelle, ein stattlicher Mann von 42 Jahren, uebersaeht mit Brust- und Rueckenbehaarung erzaehlte uns, dass er keine Angst haette vor Ueberwachung und Bespitzelung, nein, er sei nur vorsichtig. Er sprach offen, machte jedoch kleine Pausen, da die Kellnerin, welche einer KGB-Agentin aus irgendeinem James Bond Film der 70er Jahre aehnelte, staendig neben unserem Tisch stand und mit einem Ohr zuhoerte. Wanzen seien nur an bestimmten Orten angebracht, doch indoktrinierte Nachbarn, die alles hoeren und sehen, sind im diesem Falle wohl oekonomischer. Widerum erzaehlte uns eine andere Person, dass er in seinem gesamten Haus Geraeusche von Aufnahmegeraeten wahrgenommen hat und auch dementsprechende Kabelsalate fand.

Kubaner, die ein Zimmer vermieten moechten, muessen sich anmelden und etliche Dokumente beantragen. Insgesamt gehen 80 Prozent der Einnahmen als Steuern an den Staat. Diese Steuern muessen auch bezahlt werden, wenn niemand das Zimmer mietet. Also de facto eine ungemeine Geldquelle fuer den Staat, auch wenn fuer den kleinen Mann, im Falle Leonelles, des dicken Mannes, nicht viel bleibt.

Die Ernaehrung der kubanischen Bevoelkerung ist ein weiteres Problem, das eine Loesung sucht. Insgesamt werden sechzig Prozent des Anbaus an den Staat verkauft. Die Kolchosen sind zwar „freie“ Bauernvereinigungen, die eigenstaendig organisiert sind, aber die sechzig Prozent werden als notwendig fuer den Tourismus angesehen. Die Waren von Qualitaet bekommt kein Kubaner zu Gesicht, außer er kauft auf dem Schwarzmarkt ein und nimmt das Angebot der Regierung, durch Essensmarken das Noetigste wie Kaffee und Reis zu kaufen, nicht wahr. Somit bleiben vierzig Prozent fuer den „freien“ Markt.

Seit 1975 duerfen Farbige, Frauen und Christen sich in der Kommunistischen Partei Kubas engagieren. Seit 1998 herrscht offiziell Religionsfreiheit, obwohl ich sagen muss, dass diese Freiheit auch ein wenig stoeren kann, wenn man von Fanatikern darauf hingewiesen wird, dass Alkohol trinken unchristlich sei. Als ich das Gegenargument brachte, dass ja auch ihr Chef Jesus Wein zu sich nahm, war es aus. „Kriege werden von einem Politiker, der sich Bush nennt, durch Gott legitimiert“, sagte ich und das im Land des „Hauptfeindes“. Bei diesen Menschen kann ich mich wohl nicht mehr blicken lassen. Die Menschen fluechten sich in die Religion, um sich mit irgendetwas identifizieren zu koennen.

Nachdem wir in Santa Clara das Che Monument, wohl die einzige Sehenswuerdigkeit Santa Claras, besuchten, wurden wir auf dem Plaza Mayor von einem alten Mann angesprochen. Julio Guerra Riebla sei sein Name. Er verkauft selbst angefertigte Sueßigkeiten an Touristen, um im Gegenzug Kindern Kleinigkeiten zu schenken. Der siebenundsiebzig Jaehrige behauptete zusammen mit Che Geuvara und 180 anderen Guerilla in der Columna 8 in der Revolution gekaempft zu haben. Sein Koerper ist uebersaeht von Schussverletzungen und ihm fehlt ein Daumen. Kinder hat er keine, da die Armee und Polizei Bautistas ( Diktator mit sehr starker Anbindung an die USA vor der Revolution ) ihn angeblich gefoltert und kastriert haetten. Mit Sicherheit kann man nicht sagen, ob er die Wahrheit erzaehlt. Heutzutage spiele er in vierzehn Musikgruppen, jedermann kennt ihn in Santa Clara. Als wir in sein Haus gingen trafen wir eine Gruppe von Jugendlichen, die sein Lied sangen.

Er aergert sich ueber das heutige System. Als Chechero, sei er Idealist. Che sei ein Traeumer gewesen, der die Vereinigung gesamt Lateinamerikas anstrebte und zudem die Autarkie Kubas durch den subventionierten Anbau von Zucker, Kaffe und Fisch aufrecht erhalten wollte. Jedoch blieb er nur beim Traeumen und er machte sich zum Handlanger Fidels, der den sozialistischen Karren wohl nicht zu steuern weiß. Fuer Politik haette er sich nie interessiert.

Man kann ueber Che denken was man will. Vielleicht war er nur ein Traeumer, ein weiterer Massenmoerder, der seine Ideale verraten hat, oder einfach nur Idealist. Und wie man Morde moralisch erklaeren und rechtfertigen moechte bleibt mir ein Raetsel. Fakt ist, dass Che in den Koepfen der Kubaner bleibt und sich die Schulkinder immer den Che als Vorbild nehmen sollen. Wir sprachen mit einem Journalisten, der Che selbst getroffen hat. Er sagt, dass er ein Mensch mit zwei Facetten und Gesichtern war, den man nie haette einschaetzen koennen. Fuer mich bleibt diese Person ein Raetzel, die Wahrheit ueber ihn wird man wohl nie erfahren.

Julio fuhr fort…erzaehlte von der Ausschaltung der Elektrizitaetswerke, um den Feind systematisch zu besiegen. Dieser Mann versinkt im Chaos, von den 7 Dollar, die er monatlich von der Regierung fuer seine Verdienste in der Revolution erhaelt, kann er nicht leben.

Morgendliche Versteckspielchen…

An einem Morgen wurde unser Fruehstueck durch ein lautes Klopfen an der Tuer unterbrochen…

Hendrik, kannst du mir einen Gefallen tun?“, fragte Leonelle. Unterwuerfig und verstaendnisvoll begleitete ich ihn in die Kueche. „Bleib einfach hier und mach keinen Muchs. Zwei Beamte sind gerade gekommen, die uebrpruefen eure Daten. Ich hab aber nur angegeben, dass zwei Personen hier momentan wohnen, nicht drei.“ Dies sind die kleinen Tricks, die illegalen Dinge, die ein Kunbaner tun muss, um irgendwie durchzukommen und eben nicht alles dem Staat oder einer Fuehrungselite zu ueberlassen. Insgesamt kommen diese Beamte der Staatssicherheit acht Mal pro Monat. Die Angst soll somit aufrecht erhalten werden, dass politische Treffen unter Regimekritikern gar nicht erst moeglich gemacht werden koennen.

An selben Tag fuhren wir mit einem Taxi nach Cienfuegos. Es ist schon erstaunlich, dass ein Taxifahrer mehr verdient als ein Arzt, der ein monatliches Einkommen von ca. 20 Dollar vorweisen kann. Ein Taxifahrer hat zwar weniger Verantwortung, arbeitet jedoch mit Touristen zusammen. Sagen wir mal es handelt sich eher um Schweigegeld als einen Lohn. Dieser Taxifahrer war jedoch anders. Es ist schon komisch, dass wir den gesamten Tag, wir in Badehose, er in Hemd, Hose und Schlips am Strand verbrachten und redeten.

In Cienfuegos, welches von Franzosen errichtet wurde, um Piraten den Kampf anzusagen, wohnten wir bei einem Arzt, der auf Grund seinen Berufes auch ein Auto besitzen darf. Jeder Stadtteil hat seinen eigenen Arzt, der allmoegliche Problemchen und Probleme von insgesamt einhundertzwanzig Familien kennt und eine wirkliche persoenliche Beziehung zu den Menschen aufgebaut hat. Ueber das System zu reden war nun schwieriger, da das Haus direkt neben einem Hotel der Kommunistischen Partei Kubas liegt, in welchem auch Lakaien von Hugo Chavez zwei Tage vor unserer Ankunft naechtigten. Bei jeder Bewegung und jedem Geraeusch, das auf eine Person hindeuten konnte, wurde das Gespraech eingestellt.


Die Kultur des Schweigens…Silvester im Plattenbau…

Nachdem wir in Trinidad einfach nur entspannten, kehrten wir am einunddreißigsten nach Havanna zurueck. Fuer mich war es wie wieder nach Hause zurueck zu kehren. Wir kannten die gesamte Straße, gingen aber letztendlich mit Nina auf eine Sivesterfeier. Silvester verbrachten wir im Plattenbau, ohne Feuerwerk. Fuer mich war es doch sehr komisch und ueberwaeltigend, diese Ostnostalgie am eigenen Koerper nach zu empfinden. Wenn man Teil einer Generation ist, die diese Kultur selbst in der DDR nicht miterleben konnte und man hoechstens von den Eltern die ein oder andere Anekdote erzaehlt bekommen hat, ist Silvester im Plattenbau zu verbringen eine wirkliche Abwechslung. Fuer viele Kubaner ein Faktum, dass sie nicht abstellen koennen.

Der Krieg der Faulenzer…

Ich fragte mich jederzeit, warum nicht einmal der Versuch unternommen wurde, etwas an den Gegebenheiten zu aendern. Warum das Volk nicht aufsteht und sein Schicksal selbst in die Hand nimmt.

Die Revolution konnte nur durch die Hilfe der breiten Bevoelkerung gewonnen werden. Anfangs waren fast alle von ihr ueberzeugt. Diana, eine weitere Kubanerin, erzaehlte uns, dass sie persoenlich auf ihre eigene Freiheit und Meinung verzichten musste und nun eine Elite, ein kleines Grueppchen von Menschen die wichtigen Entscheidungen treffen musste. Sonst haette es nicht funktioniert. Mit der Zeit hat sich, auch durch die ewig andauernde Einschuechterung der Bevoelkerung, eine Kultur des Schweigens entwickelt. Die Menschen koennen sich nicht organisieren, geschweige denn eine Konterrevolution ins Visir fassen, sie haben Angst…

Wir lernten einen Kuenstler kennen, mit dem Namen Claudio. Die gesamte Zeit verbrachten wir mit ihm. Redeten ueber das System und ueber seine Arbeit. Claudio macht Nacktaufnahmen von Kubanern in ihren Privatraeumen. Seiner Meinung nach sei dies die einzige Moeglichkeit, seine beschraenkte Freiheit auszudrucken. „Dies ist eine ausfuehrliche Fotoserie, die auf eine kuenstliche Art und Weise versucht aus Freunden, Unbekannten und manchmal auch Feinden eine neue Familie zu kreieren.

Mit diesen „Nackten“ vergnuegen wir uns, befreien wir uns und druecken unsere Jugend, unsere Unbekuemmertheit und unseren Glauben in etwas aus, das immer noch nicht definiert ist, mit Sicherheit jedoch fort gefuehrt und sich weiterentwickeln wird. Es handelt sich um eine Arbeit, die uns die Moeglichkeit gibt, das was jeder Mensch sucht, die Freiheit, zu finden und uns einer voellig neuen, unnatuerlichen, aber puren und nicht vorbelasteten Ideologie ausliefert.“, so Claudio

Bestimmt existieren auch positive Gegebenheiten in diesem System, wie z.B. die Schulbildung und das Gesundheitssystem. Wenn man jedoch mit etlichen Kubanern redet und nicht einer hinter diesem System, geschweige denn hinter den Machthabern steht, ruecken diese positiven Gegebenheiten in der Hintergrund. Ich konnte euch nur meine objektive Einschaetzung der Lage und der Situation der Menschen vermitteln, mit denen wir gelacht und geweint haben.


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