Verfasst von: hendrikkussin | J000000Montag07 16, 2007

Der erste Monatsbericht

Liebe SpenderInnen, Freunde, Familie und Bekannte,
die ersten Kakerlaken wurden zerquetscht, die ersten interkulturellen Merkwürdigkeiten und Anekdoten aufgeschnappt, es regnet kaum trotz Regenzeit, jetzt ist es Zeit für den ersten Monatsbericht…
„Bürgerkinder in Not“ oder „in einem Land vor unserer Zeit“
Nach einigen Komplikationen auf der Reise von Cancun nach San Cristobal de Las Casas in dem Bundesstaat Chiapas, sind wir nun endlich angekommen, physisch und psychisch. Der erste Eindruck von Cancun, dem Flughafen und speziell der Umgebung war atemberaubend. Wir wurden von einen Klima empfangen, welches den Tropen gleichen könnte. Die Luftfeuchtigkeit ließ unsere müden Körper und Geister noch müder werden, aber die Hauptsache war, dass wir endlich angekommen waren. Man sieht unzählige Hotel- und Kasinokomplexe, welche dem Stil der Maya nachempfunden wurden. Eine merkwürdige Doppelmoral, wenn man bedenkt, dass mit dem Erbe der Maya Milliarden von Dollar durch amerikanische Touristen gemacht wird, auf der anderen Seite die Indigenen, die Nachfahren und Schützer der Bräuche der Maya-Kulturen, um ihre Rechte känpfen müssen, die sie nicht besitzen. Das erste was man wohl merkt, wenn man hier ankommt ist, dass das Geld hier regiert und man sich in einer merkwürdigen Welt von Reichtum, Armut, Gastfreundlichkeit und Willkür befindet, irgendwo zwischen Erster und Dritter Welt.
 Leonie, die einzige Frau in unserer San Cristobal Männerdomäne, die anderen Mitfreiwilligen werden im Laufe dieses Berichtes näher vorgestellt, hatte Probleme mit ihrem Gepäck, Condor, die Fluggesellschaft hatte vergessen ihr Gepäck mit zuschicken. Dieses Problem sollte den Ausgangspunkt unserer Reise nach San Cristobal darstellen, dem Ort, den wir für ein Jahr unser „zu Hause“ nennen werden. Wenn die ganze Welt denkt, dass man amerikanischer Tourist (gringo) ist, der sein Geld in Mexiko lassen möchte und dir die Menschen mit Vorurteilen begegnen, ist das Wirtschaften sehr schwierig. Oberflächlichkeiten werden hier groß geschrieben, speziell wenn man durch sein Aussehen aus der Menge ragt und mir dir Geld zu machen ist.
Angekommen…
Leonie ist zurück nach Cancun gefahren, um die Probleme mit ihrem Gepäck zu lösen…
Mitja, einer meiner Mitfreiwilligen, der mit mir in Melel Xojobal arbeiten wird, einem Sozialprojekt für indigene Kinder, die ihr Geld auf der Straße verdienen, und ich haben uns alleine auf den Weg Richtung San Cristobal de Las Casas gemacht, einer alten Kolonialstadt auf ca. 2200 Metern Höhe. Die Fahrt war unbeschreiblich. Man denkt jederzeit, dass der Busfahrer auf den viel zu kleinen Straßen, welche teilweise nicht einmal fertig gestellt wurden, die Kontrolle verlieren wird, im Speziellen wenn er mit überhöhter Geschwindigkeit durch die viel zu engen Kurven saust. Die einzige Möglichkeit, die in solch einer prekären Lage noch hilft ist schlafen und darauf hoffen, dass man unbeschadet ankommt. Mexiko hat viel zu bieten. Die klimatischen Bedingungen verändern sich stetig. Auf unserer 19-stündigen Busfahrt von Playa del Carmen nach Chiapas verwandelten sich die trockenen Ebenen sehr schnell in eine Hochebene. Grüne, Nebel bedeckte Berge, die immer weiter rauf in unser „neues zu Hause“ führen.
Angekommen, wurden wir von Moritz, einem unserer Vorgänger abgeholt. Die Stadt ist atemberaubend. Wenn man sich das Leben auf der Straße ansieht, könnte man den Eindruck bekommen, Deutschland sei ausgestorben. Die Straße lebt, überall begegnen einem neue Gerüche und neue Geräusche, immer wird Musik gespielt. Eine Lebensform, an die man sich sehr schnell gewöhnen kann, auch wenn das „Eingewöhnen“ hier wohl schwieriger ist als in anderen Zivi-WGs unserer Organisation. Die „Mexikaner“ werden uns wohl immer als Touristen wahrnehmen und nur ein kleiner Kreis von Menschen wird wissen, dass wir hier sind, um in Sozialprojekten zu arbeiten, und nicht, um Artesania oder Textilien bei Indigenen auf der Straße zu kaufen. Man könnte sagen, dass hier vor Ort die verschiedensten Kulturen zu finden sind. Zuerst die Touristen, die mit ihren kurzen Hosen, „Viva Mexico“-T-Shirts und Panamahüten auch sofort als Touristen zu erkennen sind – Die Hippies, welche auf den Straßen durch Jonglage versuchen hier ihr leichtes Leben zu finanzieren- Die Mestizen, also sagen wir mal die „normalen“ Mexikaner – die Indigenen, welche die gesamte Innenstadt
säumen – und schließlich diejenigen, die hier für eine bestimmte Zeit arbeiten und nach einer Weile wieder in ihre Heimat zurückkehren.
Am gleichen Tag machten wir uns noch auf den Weg um Nützliches für unsere WG einzukaufen, um zu verschönern und die sowieso schon sehr nette und konfortable Zivi-WG noch schöner und netter zu machen. Matratzen und Basstmatten wurden gekauft. Zu Hause angekommen, machten wir uns an die Arbeit und renovierten die erste Ebene unserer Dachterrasse.
Wir werden hier zu viert wohnen, genauer gesagt in der Colonia Ciudad Real. Wir sind hier die einzigen Ausländer in der Colonia. Vor unserem Haus spielen jederzeit Kinder auf dem Spielplatz und fragen wer wir seien, woher wir kommen würden etc. Natürlich fallen wir hier auf wie bunte Hunde.
Kathi und Moritz, beide Vorgänger, halfen uns wirklich sehr sich hier rein zu finden. Das On-arrival-training (eine Einführung, welche von den Vorgängern geleistet wird) half wirklich sehr, ohne diese wäre man meiner Meinung nach wirklich aufgeschmissen, da man erfährt, was man wo zu welchem Preis erwerben kann. Zudem vererbten sie uns einen Freund, nein eigentlich gleich eine ganze Familie. Angel, ein Ladenbesitzer hier bei uns in der Colonia, mit denen die beiden auch schon befreundet waren, kommt wöchentlich vorbei. Wir kochen zusammen, trinken Kaffee und wenn Not am Mann ist kann er uns alle möglichen Geräte, Materialien und Maschinen leihen.Wir haben jetzt auch angefangen ihm und seiner Familie jeden Sonntag Deutschunterricht zu geben, sodass er falls er die Reise finanzieren kann, in Deutschland nicht ganz ohne Ahnung von Sprache und Kultur dasteht.
Leonie ist da…
Leonie ist nun endlich angekommen. Am darauf folgenden Tag machten wir ein Marktrennen. Der Markt ist voll von von Indigenen, die Früchte, Obst und andere Lebensmittel verkaufen. Wir bekamen bestimmte Aufgaben und mussten in Gruppen spezielle Lebensmittel für das Abendessen einkaufen. Mir musste es natürlich passieren, dass mir Avokados, anstatt von Tunas (eine sehr, sehr leckere tropische Frucht) verkauft wurden, obwohl ich fünf Mal nachfragte ob es sich wirklich um Tunas handele…
Am nächsten Tag wurde uns nun die indigene Kultur näher gebracht. Dies ist sehr wichtig, da wir ausschließlich mit indigenen Kindern arbeiten und die Hintergründe ihres Lebens und ihrer Geschichte uns weiter helfen können diese komplizierte aber höchst interessante Kultur zu verstehen, auch wenn dies vielleicht niemals geschehen wird.
Wir besuchten ein Maya-Museum, in welchem uns die verschiedensten Heilmethoden aber auch andere Bräuche und Traditionen näher gebracht wurden. Mit diesem Hintergrundwissen fuhren wir danach nach Chamula, einer indigenen Stadt, in der Nähe unseres zweiten Projekts „sueninos“. Die indigene Kultur, so machte es bei dem Besuch den Anschein, hat sich vollkommen auf den Tourismus eingestellt. Chamula ist ein merkwürdiger Ort. Überall findet man Stände, Artesania und Indigenas, die versuchen ihre Waren an den Mann zu bringen. Wenn man mit dem Hintergrundwissen über die Kultur den Weg nach Chamula beschreitet, fühlt man sich schlecht, da man in diesen Momenten doch nur Tourist ist und man quasi keine Chance hat sich diesem zu entziehen…Als wir die Kirche betraten, welche nicht mehr der Glorifizierung des Katholizismus dient, sondern nun als Raum für die Durchführung von indigenen Traditionen und Bräuche genutzt wird, fanden wir nur Touristen vor, die gafften und versuchten doch noch ein schönes Bild für das daheim gelassene Bilderalbum von einem alten Chamanen, welcher in einer unverständlichen Sprache Gebete runter rasselte, zu machen. Als Eindruck möchte ich diesen Ort nicht missen, doch das schlechte Gefühl bleibt.
Moralphilosophie und Begegnungen dritter Art…
Die ständige Polizei-, Militär- und Paramilitärpräsens ist schon ein wenig beunruhigend. Natürlich brauchen sich Touristen oder wir auch keine Sorgen um ihre Sicherheit machen, die Stadt ist absolut sicher, aber man läuft mit einem komischen Gefühl in der Magengegend durch das Zentrum, da überall Polizisten oder andere Sicherheitskräfte stehen (eine klare Linie zwischen diesen Gruppierungen zu ziehen ist quasi unmöglich da sich alle ähneln und man denken könnte, dass ein Polizist tausend Mal geklont wurde), welche mit Maschinengewehren, Pistolen oder anderen Utensilien ausgerüstet sind. Als wir in einem canioneta (Truck mit Ladefläche) auf dem Weg nach Rancho Nuevo waren, Rancho Nuevo ist eine riesige Grotte, fuhren ca. zehn Lastwagen an uns vorbei, auf welchen jeweils 20 Soldaten saßen, ausgerüstet mit Kriegsgeräten. Allesamt waren auf dem Weg z verschiedenen indigenen comunidates. Der Staat möchte absolut sichergehen, dass so etwas wie 1994 nicht noch einmal passiert. Als der zapatistische Aufstand und Widerstand begann, um für mehr Rechte für die Nachfahren der Ureinwohner Amerikas zu kämpfen.
Die Moralvorstellungen sind nicht mit denen der Deutschen zu vergleichen.
In einem Land, in welchem Präsidenten durch Wahlbetrug und Korruption ins Amt gehoben werden, in einem Land, welches mehr als neunzig Prozent, der in den USA  konsumierten Drogen exportiert und in einem Land in welchem Menschenrechtsverletzungen gegen Indigene respektiert und staatlich vollzogen werden, will die Polizei dir abends klar machen, dass es unmoralisch sei auf der Straße zu knutschen…
Die ersten beiden Wochen hatten wir Sprachkurs. Unsere Lehrer waren Carlos und Jorge, zwei absolut lustige Kerle. Man konnte mit ihnen über Gott und die Welt reden. Politische aber auch andere Themen wurden angeschnitten. Carlos ist sich absolut sicher, dass bald alle Dämme reißen und bald eine Revolution beginnt, genauer gesagt 2010, zweihundert Jahre nach der Unabhängigkeit Mexikos und genau hundert Jahre nach der mexikanischen Revolution, bei der Millionen von Mexikaner ihr Leben lassen mussten. Die sozialen Unterschiede sind sehr krass ausgeprägt.
Wir verstehen uns so gut mit ihnen, dass wir uns sogar ab und zu mit ihnen zum cafecito (kleines Käffchen) treffen. Ich muss wirklich sagen, dass der Sprachkurs sehr effizient ist, da man immer sicherer Spanisch spricht. Das Spanisch in Mexiko unterscheidet sich aber vollkommen vom erlernten Schulspanisch.  Das neu gekaufte Radio trägt seinen Teil dazu bei die Sprache zu lernen, obwohl eigentlich die ganze Zeit nur irgendwelche Wahlwerbung läuft (in ein paar Tagen, genauer gesagt am 7. Oktober ist hier nämlich Bürgermeisterwahl) Und Wahlkampf wird hier anders geführt. Die Wahlkandidaten fahren durch die Straßen und verschenken Besen und das in großem Stil…nur benutzt sie keiner, denn in manchen Colonias (unsere inbegriffen) ist es schon verdreckt. Strassenhundehunde werden mit Wahlplakaten beklebt und behaengt – so sieht Wahlkampf aus.Die Projekte:
Das erste Projekt, in welchem Mitja und ich arbeiten werden heißt Melel Xojobal (übersetzt: wahres Licht) Das Projekt hat seinen Sitz im Zentrum, ca. 20 Minuten mit dem Fahrrad von unserem Haus entfernt. Mit dem Bus braucht man ein wenig länger, da er die erste Zeit nur im Schritttempo durch die Straßen schleicht, um Personen einzusammeln (Preis für den Bus: 4 Pesos pro Fahrt). Mit dem Taxi braucht man natürlich weniger Zeit, man bezahlt aber auch 18 Pesos. Aber trotzdem immer eine gute Option, wenn man verschlafen hat, was aber eher selten passiert.
Das  Projekt hat insgesamt drei Arbeitsfelder. Das Erste, Arrumacos widmet sich voll und ganz Kleinkindern. Man könnte es mit einem Kindergarten vergleichen. Die Kinder sind sehr scheu, aber wenn einmal das Eis gebrochen ist und sich die Kinder an dein Gesicht gewöhnt haben, ist es immer wieder toll sie zu treffen. Das Zweite versucht Jugendlichen die Chance zu geben ihre Computerkenntnisse auszubauen oder ihnen überhaupt erst eine Idee von diesen zu geben. Dabei haben wir auch schon geholfen. Das Dritte Feld nennt sich Calles (Straßen). Dies ist unser Hauptprojekt, in welchem wir von montags bis freitags von neun bis halb drei arbeiten. Insgesamt arbeiten achtzehn Personen in Melel, davon vier in Calles. Die Arbeit sieht wie folgt aus. Wir gehen in einem Team von drei Personen auf die Straßen von San Cristobal, genauer gesagt ins Zentrum, meistens direkt vor die Kathedrale und warten dort auf die Kinder. Alle Kinder wohnen nicht auf der Straße. Sie wohnen in verschiedenen Colonias, müssen aber ihre Eltern jeden Tag beim Arbeiten unterstützen. Sie arbeiten meistens als chicleros (Kaugummiverkäufer), als bolero (Schuhputzer) oder als Artesania-VerkäuferIN. Den Kindern sollen spezielle Werte vermittelt werden, um ihnen ein Leben in Würde möglich zu machen. Bildung erfahren die Kinder kaum. Der Besuch der    Schule erfolgt meistens ohne große Motivation, da sie ja den Rest des Tages arbeiten müssen oder sie dürfen die Schule nicht besuchen, da sie ihren Familien helfen müssen. Viele Kinder kennen das Projekt und freuen sich, dass ihr anstrengendes Arbeitsleben für einige Stunden unterbrochen wird und, dass sie endlich Kinder seien dürfen und nicht die Erwartungen von Erwachsenen erfüllen müssen. Letztens saßen wir zusammen mit den Kindern vor der Kathedrale und wir wurden von ihnen  zu einem lebenden Wörterbuch gemacht. „Kike, was heisst -kaufen- auf Englisch“ etc. Wir mussten hunderte von Fragen beantworten, nur damit die Kinder bei der Arbeit Ausländer auf ihrer Sprache ansprechen können und besser verkaufen können. Selbst in der Freizeit trifft man jederzeit Kinder auf der Straße. Man fühlt sich ein wenig als ob man die Pubertät ein zweites Mal durchlaufen würde, da man jederzeit Acht geben  und ein gutes Vorbild sein muss.
Die meisten Aktivitäten auf der Straße haben mit Malen zu tun. Wir setzen uns mit den Kindern auf eine riesige Plastikplane im Park und sie bekommen genaue Instruktionen. Natürlich besteht eine riesige Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis, da man Kinder nicht steuern kann, aber mit jedem Workshop soll den Kindern ihre Rechte als Kinder aber auch als Arbeiter vermittelt werden. Meiner Meinung nach ist dies auch die Hauptaufgabe des Projektes, da es auch Teil der „otra campana“ ist, der zapatistischen Bewegung, die durch Sozialprojekte versuchen die Welt und im Speziellen México ein wenig besser zu machen. Sie setzen sich mit dieser Kampagne zudem fuer eine bessere, gerechtere Verfassung und Gesellschaft ein. Guadalupe, eines der Kinder malte bei dem workshop „was möchte ich werden wenn ich mal groß bin“, dass sie mexikanische Präsidentin sein und verhindern würde, dass Kinder von ihren Eltern geschlagen werden – ein Spiegelbild der sozialen Situationen, denen die Kinder zu Hause ausgeliefert sind, da der Alkoholismus weiter verbreitet ist als die Vernunft und eine behutsame Erziehung.  Manchmal sind es zwanzig Kinder, manchmal zwei. Es kommt immer auf das Wetter und auf die Menge von Touristen an, ob die Kinder von ihnen Eltern die Erlaubnis bekommen bei unseren Aktivitäten zu partizipieren.
Die Tage sind genau durch strukturiert. Montag werden die Aktivitäten für die gesamte Woche geplant, jeden Dienstag, Donnerstag und jeden zweiten Freitag gehen wir auf die Straße. Jeden Mittwoch ist Filmtag. Kinder kommen ins Projekt und erhalten die Möglichkeit einen Film zu schauen und dabei Popkorn zu essen. Jeden zweiten Freitag gehen wir zusammen mit den Kindern auf einen riesigen Sportplatz und wir spielen mit ihnen Basketball, Fußball, Baseball oder andere Spiele. Es ist schon erstaunlich wie sich manche Kinder entwickeln und was sie für ein Selbstvertrauen während den sportlichen Aktivitäten aufbauen. Emiliano, ein zehnjähriger chiclero, der seinen Beruf für einen Tag wechseln wollte, sich von einem Freund alle möglichen Utensilien auslieh, um Schuhe zu putzen, diesen „job“ aber am gleichen Tag noch an den Nagel hing, weil er braune Schuhe mit schwarzer Schuhcreme einrieb, verblüfft mich vollkommen. Er spielt wie ein Profi.
Manche Kinder sind wirklich schon abgestumpft und an sie heranzukommen ist schwierig. Ihre Stimmung schwankt täglich. Es kann sein, dass man sehr gut mit ihnen reden kann, es kann aber auch passieren, dass sie hinter deinem Rücken auf tzotzil (eine der indigenen Sprachen in Chiapas) über dich sprechen und du dagegen nichts machen kannst. Viele der Mitarbeiter in Melel sind indigener Abstammung, weshalb in den Aktivitäten meist auch tzotzil gesprochen wird. Natürlich erschwert uns das die Arbeit, da die Kinder aber auch Verkäufer sind, sind sie der spanischen Sprache mächtig.
Wenn man die „Straßenkinder“ mit den Kindern aus dem zweiten Projekt vergleicht, werden zwei vollkommen unterschiedliche Gruppen eindeutig. Die Kinder aus Melel sind allesamt schon erwachsen. Sie müssen ihr Leben selber in die Hand nehmen. Die Kinder in Sueninos machen einen behüteteren Eindruck. Natürlich kommen sie genauso wie die Kinder aus Melel aus zerbrochenen Familienverhältnissen, aber durch den täglichen Schulbesuch  wird ihnen noch ein wenig Bildung vermittelt. Christian, der österreichische Chef von sueninos, der vor wenigen Jahren auf die Idee kam, ein Kindersozialprojekt zu gründen, versucht den Kindern durch das Prinzip Bildung, neue Zukunftsperspektiven zu eröffnen. Die Kinder kommen direkt um zwei Uhr nach dem Schulbesuch in Projekt an und erhalten zwei Malzeiten. Unsere Aufgabe ist es mit ihnen die Hausaufgaben zu machen und mit ihnen zu spielen. Die Arbeit macht sehr viel Spaß, da dich die Kinder schon nach wenigen Tagen in ihr Herz geschlossen haben.
Das ganze Projekt hat als Ziel, dass die Kinder etwas aus ihrem Leben machen können und eben nicht den ganzen Tag auf der Straße arbeiten müssen. Manchmal ist es schon hart, wenn du den Kindern auf der Straße in die Augen schaust und genau weißt,
dass ihr Leben vielleicht nie eine Veränderung erfahren. Sie werden nie einen anderen Beruf haben, immer Kaugummis, Zigaretten verkaufen oder Schuhe putzen. Wir versuchen jedoch mit unserer Arbeit  alles  einen Wechsel einzuleiten. Denn das Prinzip heisst Hoffnung.
Aus diesem Grund erachte ich die Arbeit bei sueninos als sehr wertvoll. „Ob der Weg der Richtige ist“, so Christian, „wird man erst in ein paar Jahren sehen, auf das Ergebnis müssen wir warten“. Es ist ein langer Prozess, aber die Voraussetzungen sind erfolgsversprechend.
So, Bernhard, der letzte unserer Freiwilligen-WG ist nun auch endlich angekommen. Uns geht es allen gut und wir versprechen uns viel von dem Jahr…
Einen lieben Gruß aus dem wunderschönen San Cristobal de Las Casas, Chiapas, MexikoHendrik


Antworten

  1. Hallo Hendrik,
    kaum schreibe ich einen „Comment“ schon ist der Bericht da!
    Danke

    Helmut

  2. Brüderchen, wie schön dich wohlauf zu wissen. Ich habe mich sehr über deinen Monatsbericht gefreut, weil ich mir nun dein Leben dort ein bisschen vorstellen kann. Lass uns bald mal skypen, also chatten, hab kein Headset.
    Fühl dich umarmt und geküsst
    von britta


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