All die Einschränkungen, die speziell unsere Arbeit mit den Kindern im Zentrum erheblich eingeschränkt haben und durch den Regierungswechsel in San Cristóbal de Las Casas eingesetzt haben, sind nun passé.
Die Arbeit geht weiter, ohne jegliche Einschränkungen, ohne Überwachungen oder „Arbeitsverbot“. Die Verwaltung unseres Projekts „Melel Xojobal“ konnte die benötigten Dokumente und Papiere, die zum Arbeiten mit indigenen Straßenkindern im Zentrum nötig sind, besorgen. Doch momentan sind nur wenige Kinder auf den Straßen unterwegs, da der Tourismus momentan sehr schwach vor zu finden ist. Aus diesem Grund fahren viele Kinder in dieser Periode der touristenlosen Zeit in andere Gringo-Mekkas, wie zum Beispiel Cancún, Tuxtla oder auch Palenqe, um dort ihre Artesania zu verkaufen.
„Sie sind doch Gringo/Amerikaner oder?“
Eines Tages, als ich gerade zusammen mit Antolin, einem anderen Melel-Mitarbeiter wie jeden Montag, Mittwoch und Freitag auf dem Markt gearbeitet habe, wurde ich freundlich von einem Mann auf die Schulter geklopft. Er sah mich mit einem breitem Lächeln an und sein Oberlippenbart wirkte dadurch noch größer. „Sagen Sie, Sie sind doch Gringo oder? Ich bin nämlich Lehrer, müssen Sie wissen und habe viele Theorien über die Sozialforschung und im Speziellen über Kinder aufgestellt. Mir fehlt nur eben das Geld, um ein Buch zu veröffentlichen. Als ich ihm sagte, dass es sich bei mir nicht um einem Amerikaner handele, sondern „nur“ um einen Deutschen, wirkte der doch große Oberlippenbart weniger gigantisch. Man muss dazu sagen, dass mich Kinder auf der Straße, mit denen wir überhaupt nicht arbeiten, mit dem Projektnamen begrüßen und wiedererkennen. Dieser Herr kannte mich jedoch nicht und sein Buch muss wohl auf den nächsten bunten Hund aus Europa oder den USA warten. Es handelt sich bei diesem Beispiel um eines der Vorurteile mit denen wir jederzeit zu kämpfen haben, da es eigentlich offensichtlich ist, wenn man mit einer Horde von zwanzig Kindern arbeitet, dass man nicht im Geld gebadet hat, weder Bücher veröffentlichen kann – die Hautfarbe ein Schlüsselreitz für viele.
Ich biete nun jeden Montag Englischunterricht an. Die drei „Heranwachsenden“, die ihre Englischkenntnisse „aufpolieren“, also neu erlernen möchten, tun sich allesamt sehr schwer. Man muss ihnen die spanische Übersetzung und zudem noch die Art und Weise aufschreiben, wie sie die verschiedenen Wörter auszusprechen haben. Die Indigenen, welche Spanisch manchmal sogar erst nach dem zehnten Lebensjahr erlernen, wenn sie in einer Comunidad wohnen und somit nicht gezwungen sind, aus wirtschaftlichen Gründen, Spanisch zu gebrauchen, haben besonders Probleme bei der Aussprache. Trotzdem kann ihnen dieser Unterricht sehr weiterhelfen, da sie ihrer erworbenen Kenntnisse zum Beispiel in Cancún, einem Ort, der praktisch nur für „Amerikaner“ geschaffen wurde, bei der Arbeitssuche, als Qualifikation benötigen.
Die Arbeit auf dem indigenen Markt…
Momentan versuchen wir den Kindern ein gesunde Lebensweise zu vermitteln. Gesunde Ernährung, Wasser sparen, sich wiegen, sodass festgestellt werden kann, ob ihr Wachstum nicht behindert ist, sind nur einige Schlagworte, die bei unserer Arbeit täglich fallen. Natürlich ist es schon ein wenig frustrierend wenn Kinder sagen, dass Kartoffelchips aus Rattenfett ( wenn jemand weiß worum es sich bei dem beschriebenen Gegenstand handelt, möge er es mir bitte per Email zukommen lassen) hergestellt wurden oder, dass es sich bei Bakterien um kleine Tiere handele, die im Magen sitzen und den menschlichen Körper von innen auffressen würden. „Wenn man Fleisch isst, stirbt man sofort und wenn man Hähnchen isst, wird man schlagartig dick“, nur eine der Aussagen der Kinder. Jedoch ist es ja auch nicht zu verachten, dass die Kinder, wenn auch wenig überlegt oder auch uninformiert, über ein gesundes Leben reflektieren und weniger gesunde „Lebensmittel“ wie Kartoffelchips verteufeln.
Letztendlich hat alles seinen Sinn. Speziell wenn sie danach aufgeklärt werden und danach Bescheid wissen. Aussagen wie: „Ich möchte Arzt werden, um die Menschheit zu retten“ und „ich kaufe mir lieber für einen Peso eine Kartoffel und mach die Kartoffelchips zusammen mit meiner Mama zu Hause; da weiß man wenigstens was drin steckt“, geben Mut.
Das Schönste ist, dass bei meiner Arbeit auf dem Markt, Kinder alle sozialer Schichten aufeinander treffen. Indigene Kinder, die ihren Eltern auf dem Markt beim Arbeiten helfen oder sie einfach nur begleiten, weil sie vielleicht noch zu klein sind, um zu arbeiten. Aber auch Mestizen, die täglich zur Schule gehen und mit ihrer Schuluniform auf der Matte stehen kommen täglich. Manchmal ist es für diese Kinder schwer, da manche Aktivitäten ausschließlich in indigener Sprache abgehalten werden, sodass ich Antolin darauf aufmerksam machen muss, dass auch Spanisch gesprochen wird – auch zu meinem Wohl, da ich in diesem Fall alles andere als Spanisch verstehen. Die Kinder teilen in diesen zwei Stunden ihre verschiedenen Erlebnisse miteinander und können voneinander lernen. Manche Kinder, wie zum Beispiel Mercedes und Yesenia können sogar den anderen Kindern Buchstaben beibringen. Es gibt aber auch Kinder, die theoretisch die Möglichkeit hätten, die Schule zu besuchen, jedoch aus Scham oder Angst vor den Lehrern, da diese auch handgreiflich werden können, diese Möglichkeit, die ihr Leben entscheidend in eine andere Richtung lenken könnte, nicht wahrnehmen.
Die Arbeit im Zentrum…
Wie schon angesprochen, kommen momentan sehr wenige Kinder zu den Aktivitäten, weshalb immer wieder unsere Spontanität gefragt ist und die „cartas descriptivas“/die tägliche Planung unserer Aktivitäten, nicht eingehalten werden. Ca. 72 Prozent der Kinder entscheiden sich, nach einer Studie, dafür arbeiten zu gehen, um ihrer Familie finanziell unter die Arme zu greifen. Da der Maispreis in den letzten Monaten erheblich gestiegen ist, besteht für die meisten Familien gar keine andere Möglichkeit, außer ihre Kinder zur Arbeit zu schicken. Die Kinder geben selber an, dass sie täglich etwa 65 Pesos verdienen, was ungefähren vier Euro entspricht. Von diesen 65 Pesos müssen sie sich täglich aber noch etwas zu Essen kaufen. Es kann also bezweifelt werden, dass der durchschnittliche Minimalgehalt von einem Chiapaneken von ungefähr 44 Pesos täglich, eingehalten wird. 93 Prozent werden von den Kindern an ihre Eltern abgegeben. 71 Prozent der Kinder gehen zur Schule. Von diesen 93 Prozent werden Schulsachen, Kleidung und die tägliche Ernährung finanziert. 7 Prozent bleiben für die Kinder.
Als ich Christian, ein Kind, welches kleine Tierfiguren im Zentrum verkauft, eines Tages fragte, wann er heiraten wollen, antwortete er: „ In einhundert Jahren, aber danach werde ich sie sofort auf den Müll schmeißen.“ Wenn man sich überlegt, dass auch in Mexiko der Tag der Frau gefeiert wird oder sagen wir besser „existiert“, Frauen jedoch mit immerhin 27 Jahren immer noch zu Hause bei ihren Eltern wohnen, da so die patriarchialische Kontrollfunktion voll und ganz ausgenutzt werden kann, gewinnt diese Aussage immer mehr an Tragödie. Der Bundesstaat Chiapas hat wohl die Emanzipation der Frau noch nicht wirklich als gesellschaftliches Leitbild wahrgenommen (wo hat man das schon) und im nördlicheren Mexiko sind konservative Gesellschaftsbilder weniger verbreitet. Wenn man sich nun überlegt, dass wir mit jungen 20 Jahren einen Freiwilligendienst, tausende Kilometer von zu Hause entfernt, vollkommen frei machen, können einem manche nur Leid tun und man ist froh, dass man eine andere Form von Erziehung genossen hat.
Isabelle kommt nicht mehr…
Die indigene Kultur kennt ganz andere gesellschaftliche Ordnungsprinzipien. Isabelle, eine junge, heranwachsendes Mädchen hat nun zum ersten Mal ihrer Regel bekommen. Viele müssen aus diesem Grund, aber auch, um sie in dieser Zeit der Veränderungen zu schützen, zu Hause bleiben und der Mutter bei der tägliche Hausarbeit helfen. Die Kinder sollen aber auch auf ihr späteres Leben als Ehefrau, welches für viele gar nicht so viele Jahre entfernt liegt, da indigene Frauen oft schon mit 15 oder 16 verheiratet werden, vorbereitet werden.
Meine Lieblingsbeschäftigung hier vor Ort ist es, einfach durch die Straßen zu gehen. Alle Kinder grüßen mich und es kann schon einmal vorkommen, dass ich Stunden lang mit den Kindern vor der Kathedrale rede. Viele Kinder, speziell eine Gruppe von Kindern, die von Touristen um Unterschriften bitten, um somit eine finanzielle Unterstützung für den Kauf ihrer Schulsachen zu erhalten, haben eine sehr enge, vertraute Beziehung zu mir aufgebaut. Ich erkläre ihnen sehr bildlich warum meine Eltern schon schlafen, wenn bei uns in Mexiko noch die Sonne scheint.
Der einzige, sagen wir mal „untollerante“ Ort, der nicht von einer Organisation verwaltet wird, wo die Kinder Unterschlupf finden, zeichnen und Buchstaben lernen können, ist ein kleiner Laden direkt im Zentrum, in dem Artesania verkauft wird. Die Besitzerin dieses Ladens mit Namen Rowina ist sehr besorgt um die Kinder, im Speziellen um die Kinder, die die Anfertigung von Kunstgegenständen nicht erlernt haben. Sie denkt, dass die Kinder, die nur um Unterschriften bitten, später gezwungen seien könnten ihren Körper zu verkaufen. In San Cristóbal ist jedoch nur eine Prostituierte, die im Zentrum arbeitet, bekannt. Kinderprostitution existiert de facto nicht…vielleicht sind ihre Besorgnisse umsonst, aber trotzdem schön, dass es hier doch Menschen gibt, die sich um die Kinder sorgen und auf sie aufpassen.
Die Arbeit bei Sueniños…
Ich arbeite wohl nur ca. 20 Prozent meiner insgesamten Arbeitszeit bei Sueniños, aber die Beziehung mit einigen Kindern ist jetzt schon sehr eng. Wenn wir in guten 6 Monaten wieder nach Deutschland zurückkehren werden, wird der Abschied wohl sehr schwer.
Mitja und ich bieten nun jeden zweiten Tag ein Sportprojekt an, um die sportlichen Versäumnisse, da es so etwas wie Sportunterricht in der Schule nicht gibt, aufzuholen. Dafür haben wir sogar ein Fußballtor gebaut, damit die sportlichen Aktivitäten nicht nur auf Rennen usw. begrenzt werden.
Trotz der Vatergefühle, die in einem aufsteigen, während man ein 2-jähriges Kind, welches vor wenigen Minuten noch tosend geweint hat, da es zu Hause von seinem Vater des öfteren geschlagen wird, seelig und ruhig in den Schlaf wiegt, haben wir uns jetzt bezüglich der Arbeit einen härteren Umgangston angewöhnt.
Die Kinder wurden wohl jahrelang darauf konditioniert, dass jederzeit ein Erwachsener als Hausaufgabenbetreuung neben ihnen sitzt und ihnen die Lösungen sagt. Manche Kinder fangen die Aufgaben an ohne jemals den beschreibenden Text, was sie nun im Genausten zu tun haben, gelesen zu haben. „Ließ doch den Text, da stehen alle Aufgaben drin, die du zu bewältigen hast“. Zwei Minuten später schaut dich ein Kind mit großen Augen an und weiß nicht was zu tun ist. Wir versuchen den Kindern nun von Neuem beizubringen, dass wir als Erziehungspersonal nicht da sind, um den Kindern die Hausaufgaben zu machen. Dieser Prozess wird wohl lange Zeit in Anspruch nehmen und des Öfteren auch schmerzhaft sein, aber es ist nötig.
Wir sind nun ca. sechs Monate hier, also ist es Zeit unsere Halbzeit zu feiern. Die nächsten Monate werden wir viel mit Reisen, aber auch mit arbeiten verbringen, da im April das Zwischentreffen aller Mittelamerika-Freiwilligen in Nicaragua stattfinden wird. Ich hoffe, dass ich viele interessante Dinge zu erzählen haben werde.
