Verfasst von: hendrikkussin | J000000Freitag08 16, 2007

6. Monatsbericht

All die Einschränkungen, die speziell unsere Arbeit mit den Kindern im Zentrum erheblich eingeschränkt haben und durch den Regierungswechsel in San Cristóbal de Las Casas eingesetzt haben, sind nun passé.

Die Arbeit geht weiter, ohne jegliche Einschränkungen, ohne Überwachungen oder „Arbeitsverbot“. Die Verwaltung unseres Projekts „Melel Xojobal“ konnte die benötigten Dokumente und Papiere, die zum Arbeiten mit indigenen Straßenkindern im Zentrum nötig sind, besorgen. Doch momentan sind nur wenige Kinder auf den Straßen unterwegs, da der Tourismus momentan sehr schwach vor zu finden ist. Aus diesem Grund fahren viele Kinder in dieser Periode der touristenlosen Zeit in andere Gringo-Mekkas, wie zum Beispiel Cancún, Tuxtla oder auch Palenqe, um dort ihre Artesania zu verkaufen.

„Sie sind doch Gringo/Amerikaner oder?“

Eines Tages, als ich gerade zusammen mit Antolin, einem anderen Melel-Mitarbeiter wie jeden Montag, Mittwoch und Freitag auf dem Markt gearbeitet habe, wurde ich freundlich von einem Mann auf die Schulter geklopft. Er sah mich mit einem breitem Lächeln an und sein Oberlippenbart wirkte dadurch noch größer. „Sagen Sie, Sie sind doch Gringo oder? Ich bin nämlich Lehrer, müssen Sie wissen und habe viele Theorien über die Sozialforschung und im Speziellen über Kinder aufgestellt. Mir fehlt nur eben das Geld, um ein Buch zu veröffentlichen. Als ich ihm sagte, dass es sich bei mir nicht um einem Amerikaner handele, sondern „nur“ um einen Deutschen, wirkte der doch große Oberlippenbart weniger gigantisch. Man muss dazu sagen, dass mich Kinder auf der Straße, mit denen wir überhaupt nicht arbeiten, mit dem Projektnamen begrüßen und wiedererkennen. Dieser Herr kannte mich jedoch nicht und sein Buch muss wohl auf den nächsten bunten Hund aus Europa oder den USA warten. Es handelt sich bei diesem Beispiel um eines der Vorurteile mit denen wir jederzeit zu kämpfen haben, da es eigentlich offensichtlich ist, wenn man mit einer Horde von zwanzig Kindern arbeitet, dass man nicht im Geld gebadet hat, weder Bücher veröffentlichen kann – die Hautfarbe ein Schlüsselreitz für viele.

Ich biete nun jeden Montag Englischunterricht an. Die drei „Heranwachsenden“, die ihre Englischkenntnisse „aufpolieren“, also neu erlernen möchten, tun sich allesamt sehr schwer. Man muss ihnen die spanische Übersetzung und zudem noch die Art und Weise aufschreiben, wie sie die verschiedenen Wörter auszusprechen haben. Die Indigenen, welche Spanisch manchmal sogar erst nach dem zehnten Lebensjahr erlernen, wenn sie in einer Comunidad wohnen und somit nicht gezwungen sind, aus wirtschaftlichen Gründen, Spanisch zu gebrauchen, haben besonders Probleme bei der Aussprache. Trotzdem kann ihnen dieser Unterricht sehr weiterhelfen, da sie ihrer erworbenen Kenntnisse zum Beispiel in Cancún, einem Ort, der praktisch nur für „Amerikaner“ geschaffen wurde, bei der Arbeitssuche, als Qualifikation benötigen.

Die Arbeit auf dem indigenen Markt…

Momentan versuchen wir den Kindern ein gesunde Lebensweise zu vermitteln. Gesunde Ernährung, Wasser sparen, sich wiegen, sodass festgestellt werden kann, ob ihr Wachstum nicht behindert ist, sind nur einige Schlagworte, die bei unserer Arbeit täglich fallen. Natürlich ist es schon ein wenig frustrierend wenn Kinder sagen, dass Kartoffelchips aus Rattenfett ( wenn jemand weiß worum es sich bei dem beschriebenen Gegenstand handelt, möge er es mir bitte per Email zukommen lassen) hergestellt wurden oder, dass es sich bei Bakterien um kleine Tiere handele, die im Magen sitzen und den menschlichen Körper von innen auffressen würden. „Wenn man Fleisch isst, stirbt man sofort und wenn man Hähnchen isst, wird man schlagartig dick“, nur eine der Aussagen der Kinder. Jedoch ist es ja auch nicht zu verachten, dass die Kinder, wenn auch wenig überlegt oder auch uninformiert, über ein gesundes Leben reflektieren und weniger gesunde „Lebensmittel“ wie Kartoffelchips verteufeln.

Letztendlich hat alles seinen Sinn. Speziell wenn sie danach aufgeklärt werden und danach Bescheid wissen. Aussagen wie: „Ich möchte Arzt werden, um die Menschheit zu retten“ und „ich kaufe mir lieber für einen Peso eine Kartoffel und mach die Kartoffelchips zusammen mit meiner Mama zu Hause; da weiß man wenigstens was drin steckt“, geben Mut.

Das Schönste ist, dass bei meiner Arbeit auf dem Markt, Kinder alle sozialer Schichten aufeinander treffen. Indigene Kinder, die ihren Eltern auf dem Markt beim Arbeiten helfen oder sie einfach nur begleiten, weil sie vielleicht noch zu klein sind, um zu arbeiten. Aber auch Mestizen, die täglich zur Schule gehen und mit ihrer Schuluniform auf der Matte stehen kommen täglich. Manchmal ist es für diese Kinder schwer, da manche Aktivitäten ausschließlich in indigener Sprache abgehalten werden, sodass ich Antolin darauf aufmerksam machen muss, dass auch Spanisch gesprochen wird – auch zu meinem Wohl, da ich in diesem Fall alles andere als Spanisch verstehen. Die Kinder teilen in diesen zwei Stunden ihre verschiedenen Erlebnisse miteinander und können voneinander lernen. Manche Kinder, wie zum Beispiel Mercedes und Yesenia können sogar den anderen Kindern Buchstaben beibringen. Es gibt aber auch Kinder, die theoretisch die Möglichkeit hätten, die Schule zu besuchen, jedoch aus Scham oder Angst vor den Lehrern, da diese auch handgreiflich werden können, diese Möglichkeit, die ihr Leben entscheidend in eine andere Richtung lenken könnte, nicht wahrnehmen.

Die Arbeit im Zentrum…

Wie schon angesprochen, kommen momentan sehr wenige Kinder zu den Aktivitäten, weshalb immer wieder unsere Spontanität gefragt ist und die „cartas descriptivas“/die tägliche Planung unserer Aktivitäten, nicht eingehalten werden. Ca. 72 Prozent der Kinder entscheiden sich, nach einer Studie, dafür arbeiten zu gehen, um ihrer Familie finanziell unter die Arme zu greifen. Da der Maispreis in den letzten Monaten erheblich gestiegen ist, besteht für die meisten Familien gar keine andere Möglichkeit, außer ihre Kinder zur Arbeit zu schicken. Die Kinder geben selber an, dass sie täglich etwa 65 Pesos verdienen, was ungefähren vier Euro entspricht. Von diesen 65 Pesos müssen sie sich täglich aber noch etwas zu Essen kaufen. Es kann also bezweifelt werden, dass der durchschnittliche Minimalgehalt von einem Chiapaneken von ungefähr 44 Pesos täglich, eingehalten wird. 93 Prozent werden von den Kindern an ihre Eltern abgegeben. 71 Prozent der Kinder gehen zur Schule. Von diesen 93 Prozent werden Schulsachen, Kleidung und die tägliche Ernährung finanziert. 7 Prozent bleiben für die Kinder.

Als ich Christian, ein Kind, welches kleine Tierfiguren im Zentrum verkauft, eines Tages fragte, wann er heiraten wollen, antwortete er: „ In einhundert Jahren, aber danach werde ich sie sofort auf den Müll schmeißen.“ Wenn man sich überlegt, dass auch in Mexiko der Tag der Frau gefeiert wird oder sagen wir besser „existiert“, Frauen jedoch mit immerhin 27 Jahren immer noch zu Hause bei ihren Eltern wohnen, da so die patriarchialische Kontrollfunktion voll und ganz ausgenutzt werden kann, gewinnt diese Aussage immer mehr an Tragödie. Der Bundesstaat Chiapas hat wohl die Emanzipation der Frau noch nicht wirklich als gesellschaftliches Leitbild wahrgenommen (wo hat man das schon) und im nördlicheren Mexiko sind konservative Gesellschaftsbilder weniger verbreitet. Wenn man sich nun überlegt, dass wir mit jungen 20 Jahren einen Freiwilligendienst, tausende Kilometer von zu Hause entfernt, vollkommen frei machen, können einem manche nur Leid tun und man ist froh, dass man eine andere Form von Erziehung genossen hat.

Isabelle kommt nicht mehr…

Die indigene Kultur kennt ganz andere gesellschaftliche Ordnungsprinzipien. Isabelle, eine junge, heranwachsendes Mädchen hat nun zum ersten Mal ihrer Regel bekommen. Viele müssen aus diesem Grund, aber auch, um sie in dieser Zeit der Veränderungen zu schützen, zu Hause bleiben und der Mutter bei der tägliche Hausarbeit helfen. Die Kinder sollen aber auch auf ihr späteres Leben als Ehefrau, welches für viele gar nicht so viele Jahre entfernt liegt, da indigene Frauen oft schon mit 15 oder 16 verheiratet werden, vorbereitet werden.

Meine Lieblingsbeschäftigung hier vor Ort ist es, einfach durch die Straßen zu gehen. Alle Kinder grüßen mich und es kann schon einmal vorkommen, dass ich Stunden lang mit den Kindern vor der Kathedrale rede. Viele Kinder, speziell eine Gruppe von Kindern, die von Touristen um Unterschriften bitten, um somit eine finanzielle Unterstützung für den Kauf ihrer Schulsachen zu erhalten, haben eine sehr enge, vertraute Beziehung zu mir aufgebaut. Ich erkläre ihnen sehr bildlich warum meine Eltern schon schlafen, wenn bei uns in Mexiko noch die Sonne scheint.

Der einzige, sagen wir mal „untollerante“ Ort, der nicht von einer Organisation verwaltet wird, wo die Kinder Unterschlupf finden, zeichnen und Buchstaben lernen können, ist ein kleiner Laden direkt im Zentrum, in dem Artesania verkauft wird. Die Besitzerin dieses Ladens mit Namen Rowina ist sehr besorgt um die Kinder, im Speziellen um die Kinder, die die Anfertigung von Kunstgegenständen nicht erlernt haben. Sie denkt, dass die Kinder, die nur um Unterschriften bitten, später gezwungen seien könnten ihren Körper zu verkaufen. In San Cristóbal ist jedoch nur eine Prostituierte, die im Zentrum arbeitet, bekannt. Kinderprostitution existiert de facto nicht…vielleicht sind ihre Besorgnisse umsonst, aber trotzdem schön, dass es hier doch Menschen gibt, die sich um die Kinder sorgen und auf sie aufpassen.

Die Arbeit bei Sueniños…

Ich arbeite wohl nur ca. 20 Prozent meiner insgesamten Arbeitszeit bei Sueniños, aber die Beziehung mit einigen Kindern ist jetzt schon sehr eng. Wenn wir in guten 6 Monaten wieder nach Deutschland zurückkehren werden, wird der Abschied wohl sehr schwer.

Mitja und ich bieten nun jeden zweiten Tag ein Sportprojekt an, um die sportlichen Versäumnisse, da es so etwas wie Sportunterricht in der Schule nicht gibt, aufzuholen. Dafür haben wir sogar ein Fußballtor gebaut, damit die sportlichen Aktivitäten nicht nur auf Rennen usw. begrenzt werden.

Trotz der Vatergefühle, die in einem aufsteigen, während man ein 2-jähriges Kind, welches vor wenigen Minuten noch tosend geweint hat, da es zu Hause von seinem Vater des öfteren geschlagen wird, seelig und ruhig in den Schlaf wiegt, haben wir uns jetzt bezüglich der Arbeit einen härteren Umgangston angewöhnt.

Die Kinder wurden wohl jahrelang darauf konditioniert, dass jederzeit ein Erwachsener als Hausaufgabenbetreuung neben ihnen sitzt und ihnen die Lösungen sagt. Manche Kinder fangen die Aufgaben an ohne jemals den beschreibenden Text, was sie nun im Genausten zu tun haben, gelesen zu haben. „Ließ doch den Text, da stehen alle Aufgaben drin, die du zu bewältigen hast“. Zwei Minuten später schaut dich ein Kind mit großen Augen an und weiß nicht was zu tun ist. Wir versuchen den Kindern nun von Neuem beizubringen, dass wir als Erziehungspersonal nicht da sind, um den Kindern die Hausaufgaben zu machen. Dieser Prozess wird wohl lange Zeit in Anspruch nehmen und des Öfteren auch schmerzhaft sein, aber es ist nötig.

Wir sind nun ca. sechs Monate hier, also ist es Zeit unsere Halbzeit zu feiern. Die nächsten Monate werden wir viel mit Reisen, aber auch mit arbeiten verbringen, da im April das Zwischentreffen aller Mittelamerika-Freiwilligen in Nicaragua stattfinden wird. Ich hoffe, dass ich viele interessante Dinge zu erzählen haben werde.

Verfasst von: hendrikkussin | J000000Freitag08 16, 2007

4. Monatsbericht

Wir haben die freie Welt Mexikos verlassen, die bestimmt wird von korrupten Politikern, Wahlbetrug und Verbrechen gegen die Menschenrechte, und haben uns in den Dschungel der Bananenrepublik Kubas begeben – Kinder fressende Kommunisten ohne Herz und Anstand, die versuchen ihre Ideologie durch Mord und Totschlag ueber die gesamte Welt zu verstreuen. Genauso, aehnlich oder komplett anders haette man es wohl in jedem Geschichtsbuch des Kalten Krieges nachlesen koennen.

Man koennte jetzt versuchen diesen Bericht in diesem etwas ironischen Stil weiterzuschreiben, da nur Humor dabei hilft, die bittere Wahrheit und Realitaet, mit welcher die Kubaner taeglich konfrontiert werden, zu vergessen. Ich widme diesen Bericht den elf kubanischen Familien, bei denen wir in diesen zwei Wochen lebten, aber speziell den Menschen aus der Calle K, die uns wie Soehne und Toechter aufnahmen, das Wenige, was sie besitzen, teilten und unser Leben fuer einige Tage mit Freude fuellten. Dieser Bericht muss wohl als reinster Subjektivismus verstanden werden, angefertigt von Notizen, die ich waehrend unserer Reise gemacht habe, so ehrlich bin ich. Aber er wird allen, die an der kubanischen Kultur interessiert und vielleicht priviligiert sind und die Systemkriege zwischen Sozialismus und Kapitalismus nie miterleben mussten, da es ihr Geburtsdatum nicht erlaubte, dabei helfen zu verstehen…

Ich denke ich kann sagen, dass ich Menschlichkeit noch nie so stark empfunden, weder nachempfunden habe, sodass Systeme, die im eigentlichen Sinne fuer die Menschen geschaffen wurden, sich bei der Betrachtung der Wirklichkeit Karl Marx jedoch wohl im Grabe umdrehen wuerde, an Bedeutung verlieren. Dieser Urlaub war mehr als Urlaub…Es war wohl eine der schoensten, informativsten, beeindruckensten, aber leider auch traurigsten Zeiten meines Lebens. Noch nie habe ich mich mit Menschen mehr identifiziert gefuehlt als mit den Kubanern. Es ist wohl mein Jahr 68`, nur ohne Ideologien und Systemvorstellungen. Das was zaehlte, war Menschlickeit…


Haetten wir uns dafuer entschieden lieber an den Strand zu gehen, unsere Koerper, gemaeß dem Modewahn zu braeunen und die Einladung der Menschen der Calle K, mit ihnen zusammen auf eine Feier zu gehen, abgeschlagen und nicht den gesamten Tag mit diesen wunderbaren Menschen verbracht haetten, haetten wir all dies nie erlebt und diese Tage waeren anders verlaufen. Jede Entscheidung, die man im Leben trifft, beeinflusst jede weitere Sekunde. Das Wichtigste war wohl, dass wir die Zeit nicht als Touristen verbracht haben, sondern jede Sekunde versucht haben mit den Menschen zu leben.

Die große Luege Kuba…

Da wir jederzeit in casas compartibles (Wohnungen, die von Kubanern an „Touristen“ vemietet werden) wohnten, haben wir ungefilterte Informationen erhalten, direkt von der Basis, vom kleinen Mann, der Kuba leider leben muss. Kuba ist eine große Luege, ein Myhos, der ueber die Jahrzehnte aufgebaut wurde. Ich kann nach dieser Zeit all die Menschen nicht mehr verstehen, die Che Guevara T-Shirts tragen und somit ein System glorifizieren und verherrlichen, dass systematisch keinen Platz fuer Menschlichkeit laesst. Große wirtschaftliche Probleme, die wohl teilweise vom 1961, vom US-amerikanischen Praesidenten Kennedy erlassenen, Handelsembargo ruehren, soziale, im Speziellen rassistische Probleme innerhalb der Bevoelkerung, die diesen sozialistischen Traum von Gleichheit wie eine Seifenblase zerplatzen lassen. Kinder von privilegierten Generaelen der Partei werden auf brutalste Weise massakriert, Koerperteile abgetrennt und Zigarren auf der Haut ausgedrueckt. „Kuba wird sich irgendwann einmal selbst auffressen“, so Annibal, ein siebenundsiebzig Jaehriger, der aber noch genau weiß, wie man mit zwanzig-jaehrigen Frauen Salsa zu tanzen hat. Die Hoffnung auf einen Uebergang, nachdem Fidel und sein Bruder Raul, der ja auch schon die besten Tage seines Lebens hinter sich hat, das Zeitliche gesegnet haben, ist sehr groß. Die „Alten“, die noch nie einen anderen Platz oder Ort der Erde gesehen haben, haben jedoch die Hoffnung schon verloren. Jedoch waechst meiner Meinung nach eine neue Generation von Menschen heran, die vielleicht die staatliche Propaganda besser reflektieren koennen – „Wir bauen eine Bruecke von Venezuela bis nach Kuba“, so eine der taeglichen Nachrichten des kubanischen Fernsehens, das suggeriert, dass Kuba die Welt sei und sich die Sonne um Kuba drehen wuerde. Natuerlich sind die Wirtschaftsbeziehungen, speziell durch den Linksrutsch in Venezuela immer staerker geworden und die Taxifahrer danken Chavez, dass die Kubaner nun billiges und subventioniertes Benzin und Oelvorraete aus Venezuela erhalten.

Aber um diese Art von Propaganda zu fabrizieren muss man wohl denselben momentanen Geisteszustand haben wie Fidel, der wie jeder weiß auf dem Sterbebett liegt.

Die Gedanken sind frei, die kann dir keiner nehmen, noch verstaatlichen

Menschen mit Traeumen und Visionen wachsen heran, wie z.B. Nina, eine 19-Jaehrige, die Kuba nur verlassen moechte, nachts in ihrem Bett weint und generell mit der Wirklichkeit nicht zurecht kommt, da Sozialismus dieser Art keinen Platz fuer Freiheiten laesst. Da nuetzt es auch nichts, dass die von der Regierung ausgehende Propaganda den Menschen suggeriert, dass da Wichtigste im Leben die Familie sei. Fuer eine andere Bekanntschaft, Alejandro, ein vierundvierzig-jaehriger Kuenstler, der seiner Stimme nach zu urteilen sein gesamtes Leben geraucht hat und vielmehr ein Mitglied der Rolling Stones sein koennte, ist die Familie jedoch das Wichtigste.


Als Kuenstler konnte er schon viel reisen. Durch so genannte Einladungen konnte er bereits Mexiko und England sehen. Seine beiden kranken Eltern und seine Kinder zwingen ihn jedoch in Kuba zu bleiben. Man ist dem System ausgeliefert, steckt in einer Situation, die man selbst nicht aendern kann. Dies bedrueckt die Menschen. Kuba ist wie ein Stein im Meer, der langsam vom Salswasser aufgefressen wird. Auf ewig kann dieses System nicht bestehen, hoffen wir dies zumindestens. Obwohl sie oberflaechlich gluecklich wirken, brodelt es in ihnen vor Wut und Zorn. Sie identifizieren sich mit Kuba, mit ihrem Heimatland, aber hoffen auf einen baldigen Wechsel. Vielleicht werden die naechsten „Wahlen“ aber auch mit einem toten Praesidenten, der ganz geheim dem Spott der Menschen ausgesetzt ist, statt finden. Fidel koennte sterben und niemand wuerde es merken.

Wir saßen zusammen am Malecon, der Flaniermeile Havannas, welche direkt am Meer liegt. Sternenhimmel und Meeresrauschen kann selbst im „sozialistischen Paradies“ beeindrucken.

Schau mal, dahinten ist Miami“, sagte Nina ironisch. Drei Millionen Kubaner, die irgendwann, irgendwie die Moeglichkeit wahrgenommen haben und die siebentausend Dollar aufbringen konnten, um in voellig ueberfuellten Booten in die USA zu fliehen, wuerden dort am Ufer stehen und Nina zuwinken. „Nein, das waere gemein, fast unmenschlich. Ich hier und sie grueßen mich mit einem haemischen Lachen.“ Natuerlich konnten wir Miami nicht sehen. Es war einer der vielen Frachter, die einen großen Bogen um Kuba machen muessen. Auch wenn es nur siebzig Meilen sind, die dem Wort Freiheit mit jedem Schritt, dem man den Staaten naeher kommt, eine andere Bedeutung geben, Miami bleibt in den Koepfen der Menschen.

Eine Insel mit zwei Waehrungen und dem tiefen, weiten Meer, mit viel Tunnels und Gleisen und das frei sein scheint so schwer…

Irgendein Grund muss ja bestehen, dass sich dieses sozialistische Land noch so lange nach dem Fall der Mauer halten konnte und kann…Meine Prognose: Tourismus. Es ist eine Schande, dass Kuba schoene Frauen und Straende hat, wohl die Hauptgruende warum Millionen von Menschen jedes Jahr kommen und helfen, egal ob gewollt oder ungewollt, eine Diktatur aufrecht zu erhalten, die ihre besten Tage, wenn ueberhaupt schon gesehen hat. Touristen bezahlen, alleine fuer das Visum, 15 Dollar. Moechte man Kuba wieder verlassen, kennt der Sozialist keinen Spaß und entwickelt doch „kapitalistische“ Zuege. Sie verlangen von jedem Touristen weitere 25 Dollar. Kuba ist wohl das einzige Land der Welt, deren Marktwirtschaft insgesamt vier Waehrungen, Euro, Dollar, Peso Compartible ( eine Kunstwaehrung, die speziell fuer Touristen eingefuehrt wurde ) und die kubanische Waehrung, aushalten kann. Oft kommt es vor, dass Touristen fuer ein Produkt den selben Preis bezahlen muessen, dies jedoch unwissentlich in Pesos Compartible tun und somit das zwanzigfache des Normalpreises blechen.

Mit diesen 25 Dollar, oder sogar weniger, muss der 32-jaehrige Ricardo, der einen Monatslohn von insgesamt 17 Dollar hat, eine gesamte Familie durchbringen. Wenn man sich ueberlegt, dass ein Kilo Tomaten auf dem Schwarzmarkt sieben Dollar kosten, faengt man an, den Glauben an die Menschheit zu verlieren. Ueberleben kann er nur, indem er irgendwelche illegalen Geschaeftchen treibt und sich jeden Monat Geld von Verwandten aus den USA und Costa Rica zukommen laesst.

Neun bis ca. 20 Dollar, dies ist der durchschnittliche Monatslohn. Von dem Geld wuerde eine Person in Deutschland einen gemuetlichen Abend im Kino verbringen. In Kuba muss von diesem, ich nenne es mal „Geldchen“, Kleidung gekauft werden. In Deutschland und dem gesamten europaeischen Raum redet man ueber den Stress der Menschen. Wenn man eine Statistik des Stresses der Menschen in Kuba anfertigen wuerde, wuerden die Zahlen und Daten in den Himmel ragen. All dies nur um ueberleben zu koennen. Erfindergeist ist gefragt. Fuer einen Pullover, der auf Grund des Handelsembargos nicht importiert werden kann und deshalb in Kuba angefertigt wird, muessen ca. neun Dollar den Besitzer wechseln.


Die groessten Probleme, die die Menschen haben, sind die die kleinsten Dinge des Lebens. Wohnungen zu mieten oder Autos zu besitzen laesst der sozialistische Gedanke nicht zu und fuer all diese natuerlichen Dinge des Lebens, jedenfalls in der Ersten Welt, braucht man Genehmigungen. In Kuba kann man selbst mit Geld seine Sorgen und Probleme nicht loesen.

All die Erfahrungen und Begegnungen machten wir auf dem 32. Geburtstag von Amandu und auf weiteren Treffen (Minigolf, Besuch eines Baseball-Spiels…) und Verabredungen mit den Menschen aus der Calle K.

Nur fuer heute…

Eine ganz besondere Bekanntschaft machten wir mit Alfredo. Ein zweiundfuenfzig-jaehriger Ex-Alkoholiker, der aus Guantanamo stammt. Sein Sohn, der genauso wie er jahrelang in der amerikanischen Militaerbasis gearbeitet haben, die die USA eigentlich nur fuer neunundneunzig Jahre gemietet hat, jegliche Vertraege und Vereinbarungen jedoch nicht eingehalten wurden, konnte auf Grund einer Verletzungen in die USA emigrieren. Guantanamo sei nach Alfredo amerikanischer als Amerika. Mc Donalds, Metros und andere amerikanische Exportschlager bestimmen das Stadtbild Guantanamos, zu welcher Kubaner jedoch nur mit Auflagen Zutritt haben.

Ab in die Provinz…zweispaltiges Gedenken an tote Revolutionaere

Santa Clara ist ca. 3 Autostunden von Havanna entfernt. Wir warteten ca. drei Stunden in „La Coubre“, einer Busstation, welche ueberfuellt ist mit Menschenmassen, nur um die Information zu erhalten, dass Touristen diese Art des Reisens nicht zusteht. Kubaner bezahlen normalerweise zehn Peso Compartible, Touristen bezahlen fuer ein Taxi etwa einhundert. Die Taximafia in Kuba ist sehr stark ausgepraegt. Da kann es schon mal passieren, dass Preise telefonisch abgesprochen werden und Klienten gewaltvoll davon abgehalten werden, guenstigere Taxis zu nehmen.

Wir lernten zwei weitere Kubaner kennen, Claudio und Omnosi. Sie halfen uns letztendlich doch noch am 24. Dezember irgendwie die staubige, mit Schlagloechern besaehte Careterra zu nehmen. „Ihr sprecht kein Spanisch, wenn euch irgendwer fragt. Lasst uns alles regeln“, sagte der etwas skurril wirkende Taxifahrer. Kubaner duerfen keine Touristen mitnehmen, in dieser Situation waren wir vollkommen ausgeliefert und ich muss sagen, dass ich zum ersten und letzten Mal wirklich Angst hatte. Undurchsichtige Geschaefte am Rande der Legalitaet, der einzige Weg, um in Kuba irgendwie durchzukommen.

Wir kamen am 24. Dezember in Santa Clara an, „doch sie fanden keine Herberge zum naechtigen“. Die gesamte Stadt war komplett ausgebucht und symbolischer kann man das Weihnachtesfest wohl nicht nachempfinden. Wir fuehlten uns wie Josef und Maria.

Letztendlich kamen wir in einem zweihundert Jahre alten Kolonialhaus unter. Der Vermieter Leonelle, ein stattlicher Mann von 42 Jahren, uebersaeht mit Brust- und Rueckenbehaarung erzaehlte uns, dass er keine Angst haette vor Ueberwachung und Bespitzelung, nein, er sei nur vorsichtig. Er sprach offen, machte jedoch kleine Pausen, da die Kellnerin, welche einer KGB-Agentin aus irgendeinem James Bond Film der 70er Jahre aehnelte, staendig neben unserem Tisch stand und mit einem Ohr zuhoerte. Wanzen seien nur an bestimmten Orten angebracht, doch indoktrinierte Nachbarn, die alles hoeren und sehen, sind im diesem Falle wohl oekonomischer. Widerum erzaehlte uns eine andere Person, dass er in seinem gesamten Haus Geraeusche von Aufnahmegeraeten wahrgenommen hat und auch dementsprechende Kabelsalate fand.

Kubaner, die ein Zimmer vermieten moechten, muessen sich anmelden und etliche Dokumente beantragen. Insgesamt gehen 80 Prozent der Einnahmen als Steuern an den Staat. Diese Steuern muessen auch bezahlt werden, wenn niemand das Zimmer mietet. Also de facto eine ungemeine Geldquelle fuer den Staat, auch wenn fuer den kleinen Mann, im Falle Leonelles, des dicken Mannes, nicht viel bleibt.

Die Ernaehrung der kubanischen Bevoelkerung ist ein weiteres Problem, das eine Loesung sucht. Insgesamt werden sechzig Prozent des Anbaus an den Staat verkauft. Die Kolchosen sind zwar „freie“ Bauernvereinigungen, die eigenstaendig organisiert sind, aber die sechzig Prozent werden als notwendig fuer den Tourismus angesehen. Die Waren von Qualitaet bekommt kein Kubaner zu Gesicht, außer er kauft auf dem Schwarzmarkt ein und nimmt das Angebot der Regierung, durch Essensmarken das Noetigste wie Kaffee und Reis zu kaufen, nicht wahr. Somit bleiben vierzig Prozent fuer den „freien“ Markt.

Seit 1975 duerfen Farbige, Frauen und Christen sich in der Kommunistischen Partei Kubas engagieren. Seit 1998 herrscht offiziell Religionsfreiheit, obwohl ich sagen muss, dass diese Freiheit auch ein wenig stoeren kann, wenn man von Fanatikern darauf hingewiesen wird, dass Alkohol trinken unchristlich sei. Als ich das Gegenargument brachte, dass ja auch ihr Chef Jesus Wein zu sich nahm, war es aus. „Kriege werden von einem Politiker, der sich Bush nennt, durch Gott legitimiert“, sagte ich und das im Land des „Hauptfeindes“. Bei diesen Menschen kann ich mich wohl nicht mehr blicken lassen. Die Menschen fluechten sich in die Religion, um sich mit irgendetwas identifizieren zu koennen.

Nachdem wir in Santa Clara das Che Monument, wohl die einzige Sehenswuerdigkeit Santa Claras, besuchten, wurden wir auf dem Plaza Mayor von einem alten Mann angesprochen. Julio Guerra Riebla sei sein Name. Er verkauft selbst angefertigte Sueßigkeiten an Touristen, um im Gegenzug Kindern Kleinigkeiten zu schenken. Der siebenundsiebzig Jaehrige behauptete zusammen mit Che Geuvara und 180 anderen Guerilla in der Columna 8 in der Revolution gekaempft zu haben. Sein Koerper ist uebersaeht von Schussverletzungen und ihm fehlt ein Daumen. Kinder hat er keine, da die Armee und Polizei Bautistas ( Diktator mit sehr starker Anbindung an die USA vor der Revolution ) ihn angeblich gefoltert und kastriert haetten. Mit Sicherheit kann man nicht sagen, ob er die Wahrheit erzaehlt. Heutzutage spiele er in vierzehn Musikgruppen, jedermann kennt ihn in Santa Clara. Als wir in sein Haus gingen trafen wir eine Gruppe von Jugendlichen, die sein Lied sangen.

Er aergert sich ueber das heutige System. Als Chechero, sei er Idealist. Che sei ein Traeumer gewesen, der die Vereinigung gesamt Lateinamerikas anstrebte und zudem die Autarkie Kubas durch den subventionierten Anbau von Zucker, Kaffe und Fisch aufrecht erhalten wollte. Jedoch blieb er nur beim Traeumen und er machte sich zum Handlanger Fidels, der den sozialistischen Karren wohl nicht zu steuern weiß. Fuer Politik haette er sich nie interessiert.

Man kann ueber Che denken was man will. Vielleicht war er nur ein Traeumer, ein weiterer Massenmoerder, der seine Ideale verraten hat, oder einfach nur Idealist. Und wie man Morde moralisch erklaeren und rechtfertigen moechte bleibt mir ein Raetsel. Fakt ist, dass Che in den Koepfen der Kubaner bleibt und sich die Schulkinder immer den Che als Vorbild nehmen sollen. Wir sprachen mit einem Journalisten, der Che selbst getroffen hat. Er sagt, dass er ein Mensch mit zwei Facetten und Gesichtern war, den man nie haette einschaetzen koennen. Fuer mich bleibt diese Person ein Raetzel, die Wahrheit ueber ihn wird man wohl nie erfahren.

Julio fuhr fort…erzaehlte von der Ausschaltung der Elektrizitaetswerke, um den Feind systematisch zu besiegen. Dieser Mann versinkt im Chaos, von den 7 Dollar, die er monatlich von der Regierung fuer seine Verdienste in der Revolution erhaelt, kann er nicht leben.

Morgendliche Versteckspielchen…

An einem Morgen wurde unser Fruehstueck durch ein lautes Klopfen an der Tuer unterbrochen…

Hendrik, kannst du mir einen Gefallen tun?“, fragte Leonelle. Unterwuerfig und verstaendnisvoll begleitete ich ihn in die Kueche. „Bleib einfach hier und mach keinen Muchs. Zwei Beamte sind gerade gekommen, die uebrpruefen eure Daten. Ich hab aber nur angegeben, dass zwei Personen hier momentan wohnen, nicht drei.“ Dies sind die kleinen Tricks, die illegalen Dinge, die ein Kunbaner tun muss, um irgendwie durchzukommen und eben nicht alles dem Staat oder einer Fuehrungselite zu ueberlassen. Insgesamt kommen diese Beamte der Staatssicherheit acht Mal pro Monat. Die Angst soll somit aufrecht erhalten werden, dass politische Treffen unter Regimekritikern gar nicht erst moeglich gemacht werden koennen.

An selben Tag fuhren wir mit einem Taxi nach Cienfuegos. Es ist schon erstaunlich, dass ein Taxifahrer mehr verdient als ein Arzt, der ein monatliches Einkommen von ca. 20 Dollar vorweisen kann. Ein Taxifahrer hat zwar weniger Verantwortung, arbeitet jedoch mit Touristen zusammen. Sagen wir mal es handelt sich eher um Schweigegeld als einen Lohn. Dieser Taxifahrer war jedoch anders. Es ist schon komisch, dass wir den gesamten Tag, wir in Badehose, er in Hemd, Hose und Schlips am Strand verbrachten und redeten.

In Cienfuegos, welches von Franzosen errichtet wurde, um Piraten den Kampf anzusagen, wohnten wir bei einem Arzt, der auf Grund seinen Berufes auch ein Auto besitzen darf. Jeder Stadtteil hat seinen eigenen Arzt, der allmoegliche Problemchen und Probleme von insgesamt einhundertzwanzig Familien kennt und eine wirkliche persoenliche Beziehung zu den Menschen aufgebaut hat. Ueber das System zu reden war nun schwieriger, da das Haus direkt neben einem Hotel der Kommunistischen Partei Kubas liegt, in welchem auch Lakaien von Hugo Chavez zwei Tage vor unserer Ankunft naechtigten. Bei jeder Bewegung und jedem Geraeusch, das auf eine Person hindeuten konnte, wurde das Gespraech eingestellt.


Die Kultur des Schweigens…Silvester im Plattenbau…

Nachdem wir in Trinidad einfach nur entspannten, kehrten wir am einunddreißigsten nach Havanna zurueck. Fuer mich war es wie wieder nach Hause zurueck zu kehren. Wir kannten die gesamte Straße, gingen aber letztendlich mit Nina auf eine Sivesterfeier. Silvester verbrachten wir im Plattenbau, ohne Feuerwerk. Fuer mich war es doch sehr komisch und ueberwaeltigend, diese Ostnostalgie am eigenen Koerper nach zu empfinden. Wenn man Teil einer Generation ist, die diese Kultur selbst in der DDR nicht miterleben konnte und man hoechstens von den Eltern die ein oder andere Anekdote erzaehlt bekommen hat, ist Silvester im Plattenbau zu verbringen eine wirkliche Abwechslung. Fuer viele Kubaner ein Faktum, dass sie nicht abstellen koennen.

Der Krieg der Faulenzer…

Ich fragte mich jederzeit, warum nicht einmal der Versuch unternommen wurde, etwas an den Gegebenheiten zu aendern. Warum das Volk nicht aufsteht und sein Schicksal selbst in die Hand nimmt.

Die Revolution konnte nur durch die Hilfe der breiten Bevoelkerung gewonnen werden. Anfangs waren fast alle von ihr ueberzeugt. Diana, eine weitere Kubanerin, erzaehlte uns, dass sie persoenlich auf ihre eigene Freiheit und Meinung verzichten musste und nun eine Elite, ein kleines Grueppchen von Menschen die wichtigen Entscheidungen treffen musste. Sonst haette es nicht funktioniert. Mit der Zeit hat sich, auch durch die ewig andauernde Einschuechterung der Bevoelkerung, eine Kultur des Schweigens entwickelt. Die Menschen koennen sich nicht organisieren, geschweige denn eine Konterrevolution ins Visir fassen, sie haben Angst…

Wir lernten einen Kuenstler kennen, mit dem Namen Claudio. Die gesamte Zeit verbrachten wir mit ihm. Redeten ueber das System und ueber seine Arbeit. Claudio macht Nacktaufnahmen von Kubanern in ihren Privatraeumen. Seiner Meinung nach sei dies die einzige Moeglichkeit, seine beschraenkte Freiheit auszudrucken. „Dies ist eine ausfuehrliche Fotoserie, die auf eine kuenstliche Art und Weise versucht aus Freunden, Unbekannten und manchmal auch Feinden eine neue Familie zu kreieren.

Mit diesen „Nackten“ vergnuegen wir uns, befreien wir uns und druecken unsere Jugend, unsere Unbekuemmertheit und unseren Glauben in etwas aus, das immer noch nicht definiert ist, mit Sicherheit jedoch fort gefuehrt und sich weiterentwickeln wird. Es handelt sich um eine Arbeit, die uns die Moeglichkeit gibt, das was jeder Mensch sucht, die Freiheit, zu finden und uns einer voellig neuen, unnatuerlichen, aber puren und nicht vorbelasteten Ideologie ausliefert.“, so Claudio

Bestimmt existieren auch positive Gegebenheiten in diesem System, wie z.B. die Schulbildung und das Gesundheitssystem. Wenn man jedoch mit etlichen Kubanern redet und nicht einer hinter diesem System, geschweige denn hinter den Machthabern steht, ruecken diese positiven Gegebenheiten in der Hintergrund. Ich konnte euch nur meine objektive Einschaetzung der Lage und der Situation der Menschen vermitteln, mit denen wir gelacht und geweint haben.

Verfasst von: hendrikkussin | J000000Freitag08 16, 2007

3. Monatsbericht

Schau mal, hast du in deinem Leben schon jemals so etwas schoenes gesehen“, fragte ich Carmela, ein Kind aus Sueniños, waehrend wir zusammen den Mond betrachteten, der den blau- , rosagefaerbten, chiapanekischen Himmel verdraengte und nun seine Mondlandschaft in aller Pracht zu sehen war.

Meine Mama hat mir gesagt, dass man ihn nicht anschauen darf, da er sich sonst in deine Augen setzt, dort bleibt und du nach kurzer Zeit nichts mehr sehen kannst, außer eintoenige Dunkelheit.“ Wenn Aberglaube und Schauergeschichten die einzigen Schoenheiten im Leben eines Kindes, welches bestimmt wird von urbanen Stadtvierteln, die allesamt Holzhaeuser ohne Fussboden besitzen, zerstoeren, bin ich froh und stolz hier zu sein. Da soziales Engagement Hoffnung schenkt,

kulturelle Vorurteile abbaut und man sich selbst und die Kinder fuer andere Visionen und Weltanschauungen sensibilisieren kann.

Es ist schon verwunderlich seinen Geburtstag, die Adventssonntage und die gesamte Vorweihnachtszeit mit Sonnenbrand in einem sonnigen San Cristóbal de Las Casas zu verbringen, wenn man nun schon zwanzig Jahre lang darauf konditioniert wurde, mit der Familie und Freunden Plaetzchen essend und frierend langsam in Weihnachtsstimmung zu kommen. Wenn mir irgendjemand, der diesen Bericht liest, sagen kann wo man Weihnachtsstimmung kaufen oder bestellen kann, moege er mir bitte dringendst Bescheid geben.

Natuerlich existieren in einer Kultur, die hauptsaechlich aus Katholiken besteht, Weihnachtsmaerkte und andere kitschige Methoden und Traditionen, die man in Europa auch kennt, aber die Authentizität dieser Festlichkeiten nimmt von Tag zu Tag eher ab als zu. Es ist schon sehr merkwuerdig, wenn man realisiert, welch einen europaeisch und westlich gepraegten Einfluss der lateinamerikanische Kontinent Jahrhunderte lang spuehren musste und alle Traditionen, die man aus dem gut behueteten Elternhaus kennt, hier genauso selbstverstaendlich sind.

Lucha Libre…kollektives Feiern kultureller Abgruende

Der Lucha Libre ist ein mexikanischer Kulturschock, den man unbedingt miterlebt haben muss. Muskel bepackte Monster, Liliputaner und Trans sexuelle, die ihren Blutrausch in einer Stierkampfarena befriedigen. Bei dem Aussehen der Schiedsrichtern koennte man auch davon ausgehen, dass diese vor dem „Spektakel“ noch vor der Arena die Churros/Spritzgebaeck verkauft haben und nach Beendigung dieser Arbeit ihre Arbeitskleidung fuer geschaetzte dreieinhalb Stunden gewechselt haben.

Beim Betreten der Arena bemerkte ich leider erst zu spaet, dass das Mitbringen von Lebensmitteln strengstens verboten war. Aus diesem Grund entschied ich mich die von mir mitgebrachte Orange dem Polizisten zu schenken, der fuer die Personalkontrolle zustaendig war. Wir teilten wohl nicht die selbe Art von Humor und deshalb wurde ich „freundlich“ gebeten meine Taschen zu entleeren. Ich kann mir heute immer noch nicht erklaeren, warum er auf die Idee kommen konnte, dass sich irgendein gefaehrlicher Gegenstand in einer Streichholzschachtel befinden koenne.

Im Fernsehen mag dieser Schaukampf vielleicht noch etwas Wuerde besitzen, sitzt man jedoch in der zweiten Reihe und bemerkt, dass alle Situationen abgesprochen sind und alle Schlaege in die Luft gehen, verliert man den Glauben in die Vernunft und den Anstand der Menschen.

Fuer die Kinder sind diese hauptberuflichen Kaempfer die absoluten Vorbilder. In den Projekten werden sie immitiert, Kampfszenen nachgestellt und der ein oder andere Zwischenfall geschah dank dieser „wundervollen“ Erfindung des schlechten Geschmacks.

Morgendliche Begruessungen, die laengst aus der Mode gekommen sind…

Eines morgens saßen Mitja, ein Mitfreiwilliger und ich bei uns vor der Haustuer, genossen die Sonne und begleiteten diesen Augenblick mit einem Kaffee. Zwei schwankende Gestalten tauchten auf einmal auf, gingen an den Kiosk und nahmen um halb acht Uhr morgens ihren allmorgendlichen Schnaps zu sich…Leider kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob es sich bei den beschriebenen Personen um unsere spaeteren Busfahrer handelte, aber die Vermutung bleibt und liegt nahe…soll ja auch schon vorgekommen sein und betrunkene Bus- und Taxifahrer sind eher die Regel als die Ausnahme…

Hello Gringos“, stammelte einer der beiden „Wankenden“ in schlechtem Englisch. Doch schnell wurde er von seinem Trinkgenossen darauf aufmerksam gemacht, dass es sich bei den einzigen Weißen in der colonia/Stadtviertel um Deutsche und nicht um die verhassten Nachbarn aus dem Norden handele. Schnell wurde die linguistische Denkweise geaendert, der rechte Arm gehoben und zu einem Gruß, der zum Gleuck schon laengst aus der Mode gekommen ist, geballt. Diesen „Gruß“ paarte er mit den Worten, „Gruess Gott, Herr Kaiser“, die seinen, mit Tequila behafteten, Mund verließen.

Die Projektarbeit:

Bei Melel, meinem Hauptprojekt, soll den Kindern momentan der Respekt und die Verantwortung in Bezug mit dem eigenen Koerper und deren anderer Menschen impliziert werden. Gesundheitliche Themen ruecken derzeitig in den Vordergrund. Aus diesem Grund wurde uns die Aufgabe gegeben ein Spiel zu erfinden, welches es einfacher machen soll, Spielen und Lernen miteinander zu verbinden, sodass die Kinder die gesunden Lebensweisen aufnehmen koennen. Spezielle Fragen werden gestellt: „Wie lange musst du dir die Zaehne putzen? Was machst du wenn du die eine Schnittstelle zugefuegt hast? Ist Rauchen eine Droge?

Natuerlich deprimiert es, wenn man am gleichen Tag Projektkinder auf der Straße sieht, in der einen Hand ihre Artesania, in der anderen ein Zigarettenstummel. Die Projektkinder nehmen zwar keine Drogen, aber sie leben nun einmal auf der Straße, auch wenn sie ein zu Hause besitzen. Letztendlich verbringen sie jedoch taeglich ca. zwoelf Stunden auf der Straße und diese bringt einige Erfahrungen mit sich, die man mit zehn, elf Jahren lieber nicht machen sollte.

Als wir auf dem Markt arbeiten, sollten die Kinder die Lebensmittel zeichnen und malen, die ihrer Meinung nach zu einer gesunden Ernaehrung bei helfen koennten. Natuerlich existieren Musterbeispiele, die aussagen, dass Milch, Gemuese und Fruechte den Koerper und Geist fit halten, andererseits musste ich wahrnehmen, dass Oscar, ein Wonneproppen von neun Jahren, der Meinung war, dass das „Essen“ bei Mc Donalds ja sehr gesund sei, da die Hamburger ja auch mit Tomaten belegt sein wuerden. Die Menschen um ihn herum, eingeschlossen meiner Person, mussten uns anstrengen das Lachen zu verkneifen. Weitere Erklaerungsversuche meinerseits und ein tiefgruendiges Gespraech innerhalb der Gruppe halfen auch nicht weiter. „Hamburger sind gesund, da sie mit Tomaten belegt sind, Punkt“. Seine Meinung konnten wir, jedenfalls an diesem Tag, nicht zum Guten wenden.

Die Machtkaempfe unter den Kindern ( fast alle Kinder verkaufen in Gruppen, um somit ein Gruppengefuehl aufzubauen und somit das eigene Selbstbewusstsein zu staerken ) belasten die Projektarbeit. Aktivitaeten muessen abgebrochen, Kinder auseinander gehalten und getroestet werden. Theresa, ein Kind aus Melel, wurde so heftig von anderen Kindern beschimpft, die eigentlich ihre Freunde sind, dass sie eine ganze Woche lang, aus Angst vor den anderen, nicht ins Projekt kam.

Natuerlich versucht man ein gutes Verhaeltnis zu den Kindern aufzubauen, man muss jedoch das Verstaendnis und die Sensibilitaet aufbringen und verstehen, dass die Kinder den ganzen Tag miteinander zu tun haben und man nur einen Bruchteil ihres Lebens mitbekommt.

Von einem Bekannten erfuhr ich, dass bei einem Freund von ihm seit einiger Zeit ein Kind untergekommen sei. Seine Identitaet koenne man nicht eindeutig feststellen, genauso wenig wie sein Alter. Er wird auf zehn Jahre geschaetzt, aber das Einzige was man ueber ihn genauer weiß ist, dass er bereits mit sechs Jahren seinen Alkoholismus besiegt hatte. Das Kind lebte Jahre lang auf der Straße, ohne Eltern, musste irgendwie ueberleben. In San Cristóbal existieren bereits ca. zehn dieser Kinder ohne Dach ueber dem Kopf.

Ich bat ihm an mit Melel-Arbeitern zu reden, da ich wusste, dass so genannte becas/Stipendien vergeben werden. Bei diesen Stipendien handelt es sich wohl eher um einen symbolischen Akt, da es sich nur um dreißig Pesos im Monat handelt. Dieses Geld wuerde niemals reichen, um die Schulmaterialien zu bezahlen. Dies zu denken sei utopisch.

Von dem Kind haben wir leider nichts mehr gehoert. Sein Wille war es nicht zur Schule zu gehen. Wenn man so schwierige Situationen durchgemacht und die Straße einen erzogen hat, ist man an Bildung nicht gewohnt und lebt nun eben mit zehn Jahren sein eigenes Leben und entscheidet fuer sich selbst.

Wir haben in Melel, zusammen mit den Kindern, eine Demonstration gegen intrafamiliaere Gewalt, speziell gegen Frauen, gemacht. Alle Kinder wurden mit Plakaten mit den Schriftzuegen „Umarmungen ja, Schlaege nein“ beklebt und zogen somit tobend durch die engen Straßen. Alle Verkaeufer kamen aus ihren Laeden und unterstuetzen unsere Bemuehungen, den unterdrueckten Frauen, Hoffnung und speziell auch Aufmerksam zu geben.

Jedes Jahr wird in Melel eine Abschiedsfeier, insgesamt mit ca. 250 Kindern aus San Cristóbal gemacht. Den Kindern wird die Moeglichkeit gegeben, Fußball zu spielen, Tortas (eine Spezialitaet aus Mexiko) zu essen und einfach eine gute Zeit zu haben. Wir, die deutschen Freiwilligen, haben zu diesem speziellen Anlass, eine Clownshow einstudiert. Diese nun genauer zu beschreiben wuerde keinen Sinn machen. Ich kann nur sagen, dass nichts besser ist als Spontanitaet und einfließende Lebensfreude.

Meine Arbeit bei Sueniños, meinem Zweitprojekt…

Die Kinder haben uns nun alle als festen Teil von Sueniños akzeptiert und ich denke nach diesem Jahr wird der Abschied fuer sie, aber auch fuer uns schwierig.

Um auch eine Beziehung zu den Eltern aufzubauen, nahmen Mitja und ich die Einladung von Geovanni, einem Projektkind, sein zu Hause zu besuchen, dankend an. Sein Haus wurde halb aus Stein, halb aus Holz angefertigt. Alles wirkt provisorisch, der Garten als ob er auf Muell errichtet wurde. Die colonia Primero de Enero war einmal zapatistisch.

Heutzutage leben Menschen der verschiedensten Religionen Haus an Haus friedlich nebeneinander. Die Zeitumstellung wird einfach nicht mitgemacht. So hat man wenn man in „San Cristóbal“ ist drei Uhr, betritt man jedoch diese colonia, so hat man ploetzlich zwei Uhr. Dies kann man aber verstehen, wenn man ueberlegt, dass Zeit nur fuer Menschen, die taeglich in einen Buero sitzen und ihre Arbeit verrichten, interessant ist. Fuer Menschen, die ihren Lebensunterhalt jedoch auf Feldern verdienen, macht Zeitumstellung keinen wirklichen Sinn.

Als wir ankamen, wurden wir von der gesamten Familie herzlich empfangen und man kann das Vorurteil, dass Menschen, die weniger besitzen, mehr geben und sich mehr fuer andere aufopfern, nur bestaetigen. Essen und andere Nettigkeiten abzulehnen, koennte man zwar aus moralischen Gruenden vertreten, aber auch wenn der Hunger gering und der Magen gefuellt ist, kann man dieses unmoralische Angebot aus Respekt gegenueber den Menschen nicht ablehnen. Die Stimmung war sehr ausgelassen, wir spielten, in mitten von Toepfen und recycelten Kunststoff- und Aluminiumabfaellen verstecken und Geovanni gab uns einen Teil unserer Kindheit wieder, indem er uns in das Regelwerk der mexikanischen Art Murmeln zu spielen einfuehrte.

Wir haben in Sueniños ein Schattentheater mit den Kindern gemacht. Ich habe zusammen mit Inge, einer 65-jaehrigen Osterreicherin, die jahrelang als Lehrerin gearbeitet hat und nun auch als Freiwillige in Mexiko ist, den Kindern die verschiedenen Charaktere einstudiert.

Es gibt Mut, wenn man seine eigenen Erfahrungen des Theaterspielens an die Kinder weiter geben kann und einen kleinen Eric, der sonst nur wenig Selbstbewusstsein besitzt, auf einmal bruellend und schnaufend einen Loewen imitieren sieht. Das Wichtigste ist es, alle Haemmungen fallen zu lassen, sich vollkommen auf den Moment des Spielens einzulassen. Man darf sich selbst nicht ernst nehmen und die Kinder konnten diese Methode schnell aufnehmen.

Es gab insgesamt drei verschiedene Vorfuehrungen des Theaterstuecks. Zwei wurden in den colonias Primero de Enero und Cinco de Marzo abgehalten und eine weiter fand im Kinoki, einem Kulturzentrum und Kino, statt.

In den colonias besuchten wir die Eltern der Kinder. Auch wenn meine Gitarrenkuenste nicht die besten sind und nur fuer wenige Akkorde reichen war es mir eine Ehre zusammen mit Rodrigo in seinem Haus Gitarre zu spielen. Wir fanden einen alten Maya-Fußball. Indigene stellen diesen hier vor Ort her . Angefertigt wird er aus Pferdekot und Fell eines beliebigen Tieres. Die Menschen sind offen und begruessen einen herzlich. Viele treten dir gegenueber freundlich auf und man denkt, dass diese Menschen, speziell die Vaeter keinem Kind, geschweige denn einer Frau etwas zu Leide tun koennten. Die Realitaet sieht leider anders aus und intrafamiliaere Gewalt bestimmt den Alltag der meisten hier vor Ort.

Ich kann es einfach nicht verstehen, warum fast keines der Haeuser einen Fußboden besitzt, man jedoch beim Reinkommen von einer Stereoanlage in Groeße eines VW-Kaefers Baujahr 73´ empfangen wird. Bett-Tisch-Fernseher, dies sind die wichtigsten Dinge im indigen Haushalt und die Prioritaeten werden einfach anders gsetzt.

Es ist trotzdem schwierig alle Lernmethoden miteinander zu verbinden. Es ist schwierig bei den mexikanischen Lehrmethoden, Erfahrungen einer Lehrerin aus Oesterreich und unseren spontanen Herangehensweisen einen Konsens in Bezug auf die Arbeit zu finden.

Das Problem des bloßen Auswendiglernens haben wir fast hinter uns gelassen. Mitja und ich haben ein Memory bestehend aus Buchstaben erfunden. Wenn man ein Paerchen gefunden hat, muessen die Kinder ein dementsprechendes Wort, welches mit diesem Buchstaben anfaengt, nennen. Alle Kinder machen dies bezueglich große Fortschritte.

Besuch im Niemandsland…

Wir besuchten die zapatistische Gemeinde Huitepec. Ein Ort, der sehr abgeschieden in den Bergen von San Cristóbal liegt. Die Natur ist atemberaubend. Berge, die vom Nebel und von Wolkenfeldern eingeschlossen werden, endlose Maisfelder, und nur ein kleines Laedchen des Vertrauens.

Ich denke, dass ich noch nie solch nette Menschen getroffen habe. Sie haben immer ein Laecheln fuer dich uebrig. Dieses ist aber keineswegs aufgesetzt, was bei vielen Menschen in unserer colonia schoen des oefteren der Fall war. Die Menschen in Huitepec leben die Freundlichkeit, scheinen ein Teil dieser zu sein. Man koennte jetzt Vermutungen anstellen, dass es an ihrer Selbstbestimmtheit liegt. Sie besitzen nicht mehr als andere, aber Freiheit und selbst ueber sein eigenes Schicksal zu bestimmen, kann die Seele befluegeln und befreien.

Ich muss schon zugeben, dass es beaengstigend war, als auf einmal aus heiterem Himmel, maskierte Menschen auf einen zukommen. Da wird man vorsichtig und steckt die Kamera schon einmal weg. Aber diese Maskierung dient ihrem Schutz, da Zapatist zu sein, in Chiapas toedlich enden kann…

Wir besuchten eine in San Cristóbal stattfindende Zapatistenkonferenz. Eingeladen wurden die verschiedensten Philosophen, wie zum Beispiel Immanuel Wallenstein und andere bekannte Gesichter. Auch der Subcomandante Marcos saß zusammen am Tisch und diskutierte zusammen mit den Herren und Damen ueber Bewegungen, die sich gegen das System stellen und somit versuchen Gerechtigkeit zu saehen.

Die Voelker Lateinamerikas haben ihre politischen Visionen nicht verloren, ganz im Gegenteil. Die zapatistische Revolution im Jahre 1994 kann somit nur als Antwort auf eine oekonomische Entwicklung angesehen werden, die keinen Platz schenkt fuer Kleinbauern und Indigene, die eben nicht auf den Staat angewiesen sind, da sie sich selbst verwalten. Schade nur, dass sie, da sie keine Konsumenten sind, auch eben nicht als Buerger angesehen werden und das Voelkerrecht mit Fueßen getreten wird.

Der Linksrutsch Lateinamerikas koennte man an Hand der Unaufmerksamkeit der, ich nenne sie mal Amerikanischen Staaten von Amerika, da Amerikaner antiproportional und falsch ausgedrueckt ist, erklaeren. Die USA haben einfach keine weiteren finanziellen Moeglichkeiten, aehnliche Staatsstreiche, wie in den 70er und 80er Jahren durch zu fuehren. Kampf dem Terrorismus braucht Zeit und Lateinamerika spielt in diesem Zusammenhang eben eine kleinere Rolle. Lateinamerika ist der Kontinent, der am meisten ausgebaeutet wurde, da der Kolonialismus hier einen blutigen Namen bekommen hat. Er erfuhr viel Repression. Repression bringt aber jederzeit auch Widerstand mit sich. Die „otra campana“ ist ein unbewaffneten, friedlicher Widerstand und Melel, unser Projekt ist Teil dieser Bewegung, die alles versucht, um Gleichberechtigung zu erreichen und Vorurteile abzubauen..

Es waere, schoen am Ende diesen Jahres, einen Beleg ausgestellt zu bekommen, der dir zeigt, wie viel Kalorien du fuer andere Menschen verbraucht hast und umgekehrt. Im Endeffekt wuerde diese Rechnung gleichermaßen verteilt sein, was mich gluecklich stimmt.

Mir geht es momentan praechtig, aber koerperlich bin ich am Ende, ich brauche eine kleine Pause. Ueber Weihnachten und ueber Neujahr werde ich dem Geruecht auf die Spur gehen, ob man in Kuba wirklich kleine Kinder frisst und Katzenbabys grillt.

Fuehlt ein gegrusst und ich wuensche allen ein froehliches Weihnachtsfest und ein schoenes neues Jahr.

Euer Hendrik aus dem wunderschoenen San Cristóbal de Las Casas, Chiapas, Mexiko

Verfasst von: hendrikkussin | J000000Sonntag07 16, 2007

2. Monatsbericht

Wenn man sich verletzt und statt „Aua“ zu sagen, reflexartig der Ausdruck „Ay!“ den Mund verlaesst, dann ist man angekommen. Wenn man Englisch sprechen moechte, jedoch nur spanische Vokabeln im Kopf rumwirbeln, dann ist man da. Erst gestern musste ich bemerken, dass ich momentan an keinem anderen Ort der Welt sein moechte, da ich das Gefuehl besitze gebraucht zu werden. Ich arbeite nun jeden Tag von halb neun Uhr morgens bis sechs oder sieben Uhr abends. Die Arbeit ist anstrengend, psychisch und physisch, aber sie erfuellt mich.

Mexikanisches Politikverstaendnis und andere regionale Besonderheiten…

Politiker, die Besen an die indigene Bevoelkerung verschenken, obwohl im Radio dazu aufgerufen wird, sich von keinem Kandidaten bestechen zu lassen, Hunde, die mit den verschiedensten Wahlplakaten beklebt werden und somit ungewollt und ungefragt die verschiedensten Wahlversprechen propagieren, die sowieso nicht eingehalten werden, ein zweitaegiges Alkohol-Ausschenkverbot, obwohl nur die Minderheit waehlen geht – So sieht Wahlkampf aus.

Widersprueche bestimmen in Mexiko den Alltag und somit zwangslaeufig auch die Politik, die dringenst nach Veraenderungen und Verbesserungen schreit.

Ich fragte Alejandro, einen Mitarbeiter von Melel, der stets mit vollster Ueberzeugung behauptet, dass er der Grund fuer den Fall der Mauer war und eine Affaere mit Nina Hagen hatte, einen Tag nach der Wahl, wer nun gewonnen hatte und sich Buergermeister von San Cristóbal de Las Casas nennen kann. „Was meinst du? America hat gewonnen und die Pumas haben unentschieden gespielt“, sagte er zu mir. Bei diesen beiden Namen handelt es sich um Fussballvereine, nicht um stadtbekannte Politiker.

Wenn ich waehlen duerfte, wuerde ich die PAN (Partido de Accion Nacional/Die Partei der Nationalen Aktion) waehlen, denn Brot (pan = Brot) braucht man immer“, so Emiliano, ein Strassenkind in San Cristobal de Las Casas, Chiapas, Mexiko, der mit kindlichem Leichtsinn versucht ueber Politik zu philosophieren. Doch man bekommt leicht den Eindruck, dass die Unwissenheit in diesem Fall keine Altersbeschraenkungen kennt.

Denn POLITIKVERDROSSENHEIT wird in Mexiko groß geschrieben. Man ist unzufrieden, aber aendern kann man in den Augen der meisten Mexikanern nichts.

Offen artikulierter Rassismus…

Wenn man durch die Strassen laeuft, kann es schon einmal passieren, dass man mit einem freundlichen „Look at me bitch“ begruesst wird und ganze Teenie-Maedchen-Gruppen lachend und hysterisch das Weite suchen, sodass man denken koennte, Take That haetten sich zum zweiten Mal getrennt. Zudem werde ich in regelmaessigen Abstaenden gefragt warum ich blaue Augen besitze. Komischerweise kann ich den Menschen nie eine passende Antwort auf diese „berechtigte“ Frage geben. Die Mexikaner leben mit dem Rassismus und dieser wird auch offen artikuliert. Jemand erzaehlte mir, dass sie ihn in seiner Kindheit nie beim Basketball haben mitspielen lassen, da er weiß ist. Man ist hier nun einmal guero (Weißer) oder eben gringo. (Amerikaner) Das Wort gringo hat seinen historische Ursprung. Die gruen gekleideten Militaers wurden freundlich, aber bestimmend, mit dem Ausruf „Green go/Geh Gruener“ gebeten, das Land zu verlassen.

Man kann das Verhalten aber verstehen, wenn man bedenkt, dass der gesamte lateinamerikanische Kontinent Jahrhunderte unter der spanischen Fremdherrschaft zu leiden hatte und die damalige Ausbeutung die Grundvoraussetzungen fuer die heutigen sozialen und wirtschaftlichen Problematiken geschaffen hat.

Die Weissen nehmen wir noch mit“ oder ein Wochenende am Atitlansee…

Jeden dritten Monat muessen alle Freiwilligen das Land verlassen und nach Guatemala ausreisen, was ca. 4 Autostunden von San Cristóbal de Las Casas entfernt liegt, um unser Visum zu erneuern. Mitja, ein Mitfreiwilliger und WG -Mitbewohner und ich entschieden das Nuetzliche mit dem Obligatorischen zu verbinden und an den Atitlansee in Guatemala zu fahren. Mich verwundert es immer wieder wie gut man hier reisen kann. Alles scheint unkoordiniert und spontaner, aber man ist schnell im gewuenschten Bus und wird zuegig abgefertigt.

Die Weißen nehmen wir noch mit“. Diesen Spruch mussten wir wahrnehmen, als wir auf dem Weg nach Guatemala waren und gerade in den sogenannten „Chickenbus“ einstiegen. Chickenbus heißt er wohl, weil man sich wie eine Gruppe von Huehnern in einem eingefaerchten Kaefig fuehlt. Als wir diesen Ausschrei des Busfahrers hoerten, fuehlten wir uns wie in einem alten „Moby Dick“ Film, indem sich der Kapitaen noch in der letzten Sekunde vor Ablegen dafuer entscheidet den taetowierten Farbigen mit Harpune mitzunehmen, in der Hoffnung, dass dieser den großen, weißen Wal erlegt.

Auf der Fahrt wurden vom Militaer die verschiedensten Sicherheitskontrollen durchgefuehrt. Alle wurden kontrolliert, außer die Unauffaelligsten im Bus, naemlich wir um genauer zu sein, welche blonde Haare und blaue Augen besitzen, also dort kaum auffielen. Die Reise von Guatemala nach Mexiko sieht da schon anders aus. Mexiko besitzt innerhalb des Landes weitere Grenzen. Man muss jederzeit mit Passkontrollen rechnen, da man verhindern moechte, dass Auswanderer und Fluechtlinge aus Mittelamerika in die USA auswandern koennen.

An der Grenze angekommen wurden wir von Bergen erwartet, die nicht aufhoerten zu wachsen. Aus dem dampfenden, gruenen, mit Nebel behangenen Selva/Urwald klangen mir nicht bekannte, fremde Vogelstimmen. Auf der mexikanischen Seite der Grenze verlief alles ohne Probleme, was man vom guatemaltekischen Teil nicht behaupten kann. Korruption kann man nicht verhindern, jedenfalls nicht in unserer Situation als Tourist. Man ist ihr vollkommen ausgeliefert und muss es ueber sich ergehen lassen, dass der Grenzbeamte jedem von uns zwanzig Pesos fuer die Kaffekasse abknuepfte. Zum Glueck wurde ich von einem Bekannten ueber alle Tricks der Guatemalteken informiert, weshalb wir andere Touri-Abzockmaschen umgehen konnten.

Aldous Huxley, Autor des Buches „A Brave New World“ sagte, dass der Atitlansee einer der schoensten Seen der Welt sei. Ich kann seine Meinung nur bestaetigen. Das Panorama des Sees wird durch drei fast gleich beschaffene Vulkane komplementiert. Die Farbe des Sees ist stets im Wechsel, er kann insgesamt drei verschiedene Farben annehmen. Zudem existieren diverse Sagen und Mythen ueber den See. Ein Prinz soll im Atitlansee seine Braut verloren haben. Rapide aufkommende Winde werden als seine Suche nach der Braut interpretiert. Wir trafen uns dort mit Jonni und Anna, zwei anderen Freiwilligen, die ihren Dienst in Coban, Guatemala leisten, um Erfahrungen auszutauschen.

Diese Moeglichkeit konnten wir nutzen, da die Feiertage zum „Día de los Muertos“ / Tag der Toten vor der Tuer standen. Natuerlich konnten wir somit die Prozessionen nicht voll und ganz verfolgen, aber alleine die Vorbereitungen waren atemberaubend. In jedem Haus werden Altäre aufgestellt. Das Bild des Toten wird an die Wand gehangen und auf den Altar werden die Lieblingsmahlzeiten des Verstorbenen oder auch andere Dinge, wie z.B. sein Lieblingsschnaps oder seine Lieblingszigarettenmarke platziert. Der Tote soll gefeiert werden und die Menschen leben in dem Glauben, dass der Tote genau diese Nacht zurueck kehrt. Aus diesem Grund wird das Haus festlich geschmueckt, sodass der Tote mit dem besten aller Eindruecke ins Reich der Toten zurueck kehren kann.

Gefeiert wird auf dem Friedhof. Die Menschen versammeln sich auf dem Friedhof, essen und trinken gemeinsam. Natuerlich kann sich die mexikanische Kultur nicht vor dem großen Bruder, den USA, verstecken und natuerlich feiert man hier zusaetzlich zum Tag der Toten das amerikanisch gepraegte Halloween. Die Knickleuchtstaebe, die ich eigentlich fuer die Kinder aus den Projekten mitgebracht hatte, wechselten an diesem Abend schnell ihren Besitzer. Vierzig Kinder standen allesamt bei uns vor der Tuer…Wenn man sie beschenkt, wuenschen sie dir und deiner Familie ein langes und erfuelltes Leben…,falls du nichts im Haus hast, verfluchen sie dich und wuenschen dir, dass du stirbst…

Die Mexikaner haben ein vollkommen anderes Verhaeltnis zum Tot. Man geht viel offener mit ihm um und man erhaelt den Eindruck, dass die Angst vorm Tot kleiner ist als in Deutschland. Der Tod ist Teil des Lebens und man kann sich eben nicht vor ihm verstecken.

Bilder, die man nie vergisst…

Als ich mal wieder mit dem Fahrrad auf dem Weg in die Stadt war, tauchten auf einmal drei Militaerkolonnen auf. Auf jedem Fahrzeug saßen ca. zehn Soldaten, bewaffnet bis auf die Zaehne. Man mag es nicht glauben, aber einer der Maennlichkeiten in Person, packte auf einmal seinen Labello aus, um die taegliche Koerperpflege auch beim Krieg spielen zu betreiben. Ich konnte mich nicht zusammen reißen und brach in Tranen aus, natuerlich vor Lachen.

Die indigene Kultur, unbeschreiblich, unbegreifbar…

Bevor ich in Chiapas ankam, dachte ich, dass die indigene Kultur klar zu definieren sei. Moritz, mein Vorgaenger, sagte mir, dass ich diese Kultur niemals verstehen koenne. Ich glaubte ihm nicht, aber nun muss ich sagen, dass sich seine Worte als die Wahrheit herausgestellt haben.

Die indigene Kultur kann sich nicht vor der Globalisierung verstecken. Das Wichtigste in einem indigenen Haushalt ist nach dem Tisch der Fernseher. Viele von den Kindern, die mit ihren traditionellen Kleidern Artesania verkaufen, kann man manchmal dabei erwischen, wie sie mit ihrem Handy spielen.

Man kann taeglich Indigenas in amerikanische Protzautos einsteigen sehen oder bemerkt, dass Indigenas mal wieder Kosmetikprospekte verschlingen, welch Bilder. Andere wiederum sprechen nur begrenzt Spanisch, da ihnen ein Schulbesuch nicht ermoeglicht werden kann. In San Cristóbal de Las Casas sind es ca. fuenfzig Prozent, die nicht zur Schule gehen koennen. Es ist schon komisch, wenn man auf dem Markt arbeitet, den Kindern Buchstaben beibringen moechte und diese deine Aufgaben fuer andere Kinder uebersetzen muessen, da sie nur indigene Sprachen sprechen.

Norma, unsere Chefin bei Melel erzaehlte uns, dass manche Familien sogar Wohnungen oder Haueser in Cancun und Mexiko-Stadt besitzen. Man kann und darf diese Kultur nicht vergeneralisieren. In ihr sind die verschiedensten Gesellschaftsschichten zu finden, Arm und Reich. Manche verkaufen und arbeiten, da es ihnen Spaß macht, andere wiederum arbeiten, um ueberleben zu koennen. Mitja und ich haben zusammen mit Melel – Mitarbeitern die Colonia Primero de Enero besucht, eine der aermsten Stadtbezirke. Die Straßen bestehen voll und ganz aus Sand. Die Haeser wurden zweckbeduerftig aus Holzplatten zusammengeschustert. Schweine oder andere Nutztiere saeumen die Straße und die Hauseingaenge. Es liegt ein komischer Geruch in der Luft – unbeschreiblich, eine Mischung aus verdorbenen Fleisch und Daempfen, die aus dem Muell entstanden sind, der ueberall verstreut ist. Hunde liegen tot am Straßenrand, bedeckt mit Fliegen, die sich vom Kadaver ernaehren. Alle Bewohner sind indigener Abstammung und viele der Kinder mit denen wir zusammenarbeiten, kommen aus dieser Colonia.

Fruehstueck mit gemischten Gefuehlen…

Sonntags gehen wir haeufig nach Rancho Nuevo. Bei diesem Ort handelt es sich heutzutage um ein Militaergebiet, auf welchem Soldaten ausgebildet werden und Militaeruebungen stattfinden. Es gibt aber auch Bereiche, die extra fuer Familien angefertigt wurden, um dort einen netten, entspannten Tag zu verbringen.

Ich hatte ein komisches Gefuehl in der Magengegend. 1994, waehrend der „zapatistischen Revolution“ wurden genau dort, wo ich gemuetlich gefruehstueckt habe, Menschen getoetet.

Lachen und Weinen, Waerme und Kaelte…

Man koennte das Klima hier vor Ort mit einem Wintersportort in den Alpen vergleichen. Sobald man die Sonne sucht und gefunden hat, kann man sich sehr schnell einen Sonnenbrand einfangen. Die Sonneneinstrahlung ist sehr intensiv. Wenn man sich jedoch in den Schatten begibt, merkt man schnell den Unterschied. Morgens und in der Nacht ist es hier sehr kalt. Mittags brennt jedoch die Sonne. Die Temperaturunterschiede bewegen sich zwischen zwanzig und fuenfundzwanzig Grad.

Die Projektarbeit

Unsere Arbeit bei Melel, dem Straßenkinderprojekt wurde durch das Wetter extrem eingeschraengt. Es gab Tage an denen wir nicht auf die Straße gehen konnten, da der Regen nie aufhoeren wollte. Wenn es in San Cristóbal regnet, dann regnet es. Die Kleidung wird nie trocken und die Naesse scheint Teil des Koerpers zu werden.

Fast alle Aktivitaeten, außer der Filmtag, finden im Park oder direkt vor der Kathedrale statt. Wenn es regnet, koennen die Kinder nicht arbeiten und bleiben zu Hause, helfen ihren Familien bei der Hausarbeit.

Ich arbeite nun auch zusammen mit Antolin, einem Indigenen, auf dem Markt. Man kann dort nur sehr selten Touristen finden, oft bin ich der einzige Weiße vor Ort. Die verschiedensten Fruechte werden angeboten und Raubkopien verkauft. Der gesamte Ort, so scheint es wurde auf Schlamm und Muell errichtet. Die Gerueche wechseln staendig. Helote, ein maisaehnliches Gemuese, der staendig frisch angeboten wird und Muellberge tragen zu diesem Wechsel bei – Indigenas sitzen in ihrer traditionellen Kleidung an ihren Staenden. Alle machen große Augen, wenn ein Weißer von indigenen Kindern begruesst, umarmt und gefragt wird wann die Aktivitaeten denn endlich losgehen wuerden. Die Familien kennen mich und die Kinder kennen allesamt meinen Namen. Mir erscheint es einfacher alleine, als einziger Fremder zu arbeiten, da die Kinder sich schneller an deine Person gewoehnen koennen.

Oft wird nur auf indigenen Sprachen kommuniziert, was fuer mich schwierig ist, da ich in diesem Fall nur als Hilfskraft agieren und kaum aktiv mitarbeiten kann. In letzter Zeit kamen jedoch immer mehr Kinder, die nur dem Spanisch maechtig sind, weshalb die Arbeit komplett in Spanisch gemacht werden muss und ich mich als gleichwertige Lehrkraft fuehle. Die Aktivitaeten haben immer spezielle Ziele und Leitfaeden. Den Kindern sollen ihre Rechte impliziert werden. Sie werden ihnen nicht vorgesetzt, sie sollen sie eigenstaendig beschreiben und artikulieren. Um diese Rechte zu artikulieren werden meistens Zeichnungen angefertigt. Alejandra, eines der Kinder, malte bei dem Thema „Respekt“ einen Regenwald und schrieb dazu: „Verbrennt keine Baeume, sie sind wichtig fuer die Menschheit. Zollt den Waeldern euren Respekt“. Viele Kinder beeindrucken mich. Sie haben in kuerzester Zeit ein riesiges Vertrauen zu mir aufgebaut und moechten mich jederzeit Lehrer nennen. Ich muss ihnen jedoch dazu sagen, dass ich eher ihr Freund bin, der mit ihnen Zeit verbringt und sie dabei die Moeglichkeit bekommen etwas Sinnvolles zu lernen.

In Sueninos laueft nun alles seinen geregelten Ablauf, obwohl das Projekt momentan viele Veraenderungen erfahren muss. Fast alle Freiwilligen, die ein Jahr dort gearbeitet haben, sind nun weg und eine neue Generation entsteht.

Die mexikanischen Erziehungsmethoden sind manchmal schon gewoehnungsbeduerftig. Kopfrechnen wir kaum gelehrt. Bohnen stehen jederzeit bereit, um das Zaehlen und Rechnen zu lernen. Den Kindern wird die Aufgabe gegeben Saetze oder Buchstaben abzuschreiben. Es handelt sich um Auswendiglernen, nicht jedoch um aktives Lernen. Wenn man die Kinder fragt was sie nun eben geschrieben haben, koennen sie nichts anderes tun als unwissend mit dem Kopf zu schuetteln, da sie nie eine Antwort haben. Ich zeigte auf ein A und fragte um welchen Buchstaben es sich handele. Geovanni, eines der Kinder aus Sueninos, antwortete: „Das ist ein A“. „Richtig“, sagte ich und machte Luftspruenge. Meine Freude verflog jedoch schnell wieder, als ich einsehen musste, dass falls man die Reihenfolge der Buchstaben aendert, nach der Meinung der Kinder ein K ein F darstellt. Meiner Ansicht nach muessen wie als Freiwillige versuchen genau dies zu aendern und andere Wege eroeffnen. Dies wird wohl auch moeglich sein, da Sueninos stets versucht das Projekt zu verbessern und fuer gute Vorschlaege haben sie immer ein offenes Ohr.

Viele der Kinder haben sich so an einen gewoehnt, dass sie jederzeit versuchen dich zu kuessen und zu umarmen. Natuerlich ist es schoen mit den Kindern eine enge Beziehung aufzubauen, aber man muss aufpassen, dass die Beziehung nicht zu eng wird. Als Barbara, eine andere Freiwillige, ihren letzten Tag hatte, mussten fast alle Kinder weinen und auch noch heute haben viele der Kinder gemischte Gefuehle.

Diese Naehe kommt in Melel weniger auf. Das Eis zwischen uns und den Kindern zu brechen ist ziemlich schwierig. Sie haben uns nun schon als Teil von Melel respektiert. Jedoch ist es schon frustrierend, wenn man mit den Kindern tagelang ueber das Wort Respekt philosophiert, diese das Gelernte jedoch nicht in die Realitaet umsetzen koennen. Es gab einen Zwischenfall zwischen Mitja, meinem Mitfreiwilligen und Theresa, einem Straßenkind. Beim Spielen machte sie Mitjas Hose kaputt. Natuerlich geschah dies nicht aus Absicht, aber eine Entschuldigung folgte nicht. Theresa glaubte, dass Mitja und Norma auf sie sauer seien, ich konnte aber lange mit ihnen reden und ihr im Speziellen erklaehren, dass niemand auf sie sauer sei, ihr Verhalten jedoch nicht angebracht war. Durch solche Gespraeche wird es mir immer einfacher gemacht das Vertrauen der Kinder zu gewinnen.

Immer oefter sitze ich mit den Kinder vor der Kathedrale und wir haben intensive Gespraeche. Sie erzaehlen mir viele intime und persoehnliche Dinge. Sie erzaehlen dir wer momentan ihre große Liebe ist und betonen dabei immer, dass dies aber ein Geheimnis bleiben muesse.

Man kann die Gruppe nicht als Ganzes sehen. Es gibt viele Rivalitaeten und die Kinder versuchen ihre Machtpositionen zu festigen. Es gibt kaum Kinder, die alleine den Tag verbringen. Die Gruppierungen besitzen spezielle Hirachien.

Ich habe mich nun voll und ganz eingelebt, auch wenn ich sagen muss, dass kaum Freizeit bleibt und ich froh bin, wenn ich einmal Zeit finde meine „Gitarrenkuenste“ auszubauen oder einfach nur ein Buch zu lesen.

Ich hoffe, dass euch dieser Bericht gefallen hat und ich bin immer ueber Rueckmeldungen oder neue Anregungen gluecklich…

Verfasst von: hendrikkussin | J000000Montag07 16, 2007

Der erste Monatsbericht

Liebe SpenderInnen, Freunde, Familie und Bekannte,
die ersten Kakerlaken wurden zerquetscht, die ersten interkulturellen Merkwürdigkeiten und Anekdoten aufgeschnappt, es regnet kaum trotz Regenzeit, jetzt ist es Zeit für den ersten Monatsbericht…
„Bürgerkinder in Not“ oder „in einem Land vor unserer Zeit“
Nach einigen Komplikationen auf der Reise von Cancun nach San Cristobal de Las Casas in dem Bundesstaat Chiapas, sind wir nun endlich angekommen, physisch und psychisch. Der erste Eindruck von Cancun, dem Flughafen und speziell der Umgebung war atemberaubend. Wir wurden von einen Klima empfangen, welches den Tropen gleichen könnte. Die Luftfeuchtigkeit ließ unsere müden Körper und Geister noch müder werden, aber die Hauptsache war, dass wir endlich angekommen waren. Man sieht unzählige Hotel- und Kasinokomplexe, welche dem Stil der Maya nachempfunden wurden. Eine merkwürdige Doppelmoral, wenn man bedenkt, dass mit dem Erbe der Maya Milliarden von Dollar durch amerikanische Touristen gemacht wird, auf der anderen Seite die Indigenen, die Nachfahren und Schützer der Bräuche der Maya-Kulturen, um ihre Rechte känpfen müssen, die sie nicht besitzen. Das erste was man wohl merkt, wenn man hier ankommt ist, dass das Geld hier regiert und man sich in einer merkwürdigen Welt von Reichtum, Armut, Gastfreundlichkeit und Willkür befindet, irgendwo zwischen Erster und Dritter Welt.
 Leonie, die einzige Frau in unserer San Cristobal Männerdomäne, die anderen Mitfreiwilligen werden im Laufe dieses Berichtes näher vorgestellt, hatte Probleme mit ihrem Gepäck, Condor, die Fluggesellschaft hatte vergessen ihr Gepäck mit zuschicken. Dieses Problem sollte den Ausgangspunkt unserer Reise nach San Cristobal darstellen, dem Ort, den wir für ein Jahr unser „zu Hause“ nennen werden. Wenn die ganze Welt denkt, dass man amerikanischer Tourist (gringo) ist, der sein Geld in Mexiko lassen möchte und dir die Menschen mit Vorurteilen begegnen, ist das Wirtschaften sehr schwierig. Oberflächlichkeiten werden hier groß geschrieben, speziell wenn man durch sein Aussehen aus der Menge ragt und mir dir Geld zu machen ist.
Angekommen…
Leonie ist zurück nach Cancun gefahren, um die Probleme mit ihrem Gepäck zu lösen…
Mitja, einer meiner Mitfreiwilligen, der mit mir in Melel Xojobal arbeiten wird, einem Sozialprojekt für indigene Kinder, die ihr Geld auf der Straße verdienen, und ich haben uns alleine auf den Weg Richtung San Cristobal de Las Casas gemacht, einer alten Kolonialstadt auf ca. 2200 Metern Höhe. Die Fahrt war unbeschreiblich. Man denkt jederzeit, dass der Busfahrer auf den viel zu kleinen Straßen, welche teilweise nicht einmal fertig gestellt wurden, die Kontrolle verlieren wird, im Speziellen wenn er mit überhöhter Geschwindigkeit durch die viel zu engen Kurven saust. Die einzige Möglichkeit, die in solch einer prekären Lage noch hilft ist schlafen und darauf hoffen, dass man unbeschadet ankommt. Mexiko hat viel zu bieten. Die klimatischen Bedingungen verändern sich stetig. Auf unserer 19-stündigen Busfahrt von Playa del Carmen nach Chiapas verwandelten sich die trockenen Ebenen sehr schnell in eine Hochebene. Grüne, Nebel bedeckte Berge, die immer weiter rauf in unser „neues zu Hause“ führen.
Angekommen, wurden wir von Moritz, einem unserer Vorgänger abgeholt. Die Stadt ist atemberaubend. Wenn man sich das Leben auf der Straße ansieht, könnte man den Eindruck bekommen, Deutschland sei ausgestorben. Die Straße lebt, überall begegnen einem neue Gerüche und neue Geräusche, immer wird Musik gespielt. Eine Lebensform, an die man sich sehr schnell gewöhnen kann, auch wenn das „Eingewöhnen“ hier wohl schwieriger ist als in anderen Zivi-WGs unserer Organisation. Die „Mexikaner“ werden uns wohl immer als Touristen wahrnehmen und nur ein kleiner Kreis von Menschen wird wissen, dass wir hier sind, um in Sozialprojekten zu arbeiten, und nicht, um Artesania oder Textilien bei Indigenen auf der Straße zu kaufen. Man könnte sagen, dass hier vor Ort die verschiedensten Kulturen zu finden sind. Zuerst die Touristen, die mit ihren kurzen Hosen, „Viva Mexico“-T-Shirts und Panamahüten auch sofort als Touristen zu erkennen sind – Die Hippies, welche auf den Straßen durch Jonglage versuchen hier ihr leichtes Leben zu finanzieren- Die Mestizen, also sagen wir mal die „normalen“ Mexikaner – die Indigenen, welche die gesamte Innenstadt
säumen – und schließlich diejenigen, die hier für eine bestimmte Zeit arbeiten und nach einer Weile wieder in ihre Heimat zurückkehren.
Am gleichen Tag machten wir uns noch auf den Weg um Nützliches für unsere WG einzukaufen, um zu verschönern und die sowieso schon sehr nette und konfortable Zivi-WG noch schöner und netter zu machen. Matratzen und Basstmatten wurden gekauft. Zu Hause angekommen, machten wir uns an die Arbeit und renovierten die erste Ebene unserer Dachterrasse.
Wir werden hier zu viert wohnen, genauer gesagt in der Colonia Ciudad Real. Wir sind hier die einzigen Ausländer in der Colonia. Vor unserem Haus spielen jederzeit Kinder auf dem Spielplatz und fragen wer wir seien, woher wir kommen würden etc. Natürlich fallen wir hier auf wie bunte Hunde.
Kathi und Moritz, beide Vorgänger, halfen uns wirklich sehr sich hier rein zu finden. Das On-arrival-training (eine Einführung, welche von den Vorgängern geleistet wird) half wirklich sehr, ohne diese wäre man meiner Meinung nach wirklich aufgeschmissen, da man erfährt, was man wo zu welchem Preis erwerben kann. Zudem vererbten sie uns einen Freund, nein eigentlich gleich eine ganze Familie. Angel, ein Ladenbesitzer hier bei uns in der Colonia, mit denen die beiden auch schon befreundet waren, kommt wöchentlich vorbei. Wir kochen zusammen, trinken Kaffee und wenn Not am Mann ist kann er uns alle möglichen Geräte, Materialien und Maschinen leihen.Wir haben jetzt auch angefangen ihm und seiner Familie jeden Sonntag Deutschunterricht zu geben, sodass er falls er die Reise finanzieren kann, in Deutschland nicht ganz ohne Ahnung von Sprache und Kultur dasteht.
Leonie ist da…
Leonie ist nun endlich angekommen. Am darauf folgenden Tag machten wir ein Marktrennen. Der Markt ist voll von von Indigenen, die Früchte, Obst und andere Lebensmittel verkaufen. Wir bekamen bestimmte Aufgaben und mussten in Gruppen spezielle Lebensmittel für das Abendessen einkaufen. Mir musste es natürlich passieren, dass mir Avokados, anstatt von Tunas (eine sehr, sehr leckere tropische Frucht) verkauft wurden, obwohl ich fünf Mal nachfragte ob es sich wirklich um Tunas handele…
Am nächsten Tag wurde uns nun die indigene Kultur näher gebracht. Dies ist sehr wichtig, da wir ausschließlich mit indigenen Kindern arbeiten und die Hintergründe ihres Lebens und ihrer Geschichte uns weiter helfen können diese komplizierte aber höchst interessante Kultur zu verstehen, auch wenn dies vielleicht niemals geschehen wird.
Wir besuchten ein Maya-Museum, in welchem uns die verschiedensten Heilmethoden aber auch andere Bräuche und Traditionen näher gebracht wurden. Mit diesem Hintergrundwissen fuhren wir danach nach Chamula, einer indigenen Stadt, in der Nähe unseres zweiten Projekts „sueninos“. Die indigene Kultur, so machte es bei dem Besuch den Anschein, hat sich vollkommen auf den Tourismus eingestellt. Chamula ist ein merkwürdiger Ort. Überall findet man Stände, Artesania und Indigenas, die versuchen ihre Waren an den Mann zu bringen. Wenn man mit dem Hintergrundwissen über die Kultur den Weg nach Chamula beschreitet, fühlt man sich schlecht, da man in diesen Momenten doch nur Tourist ist und man quasi keine Chance hat sich diesem zu entziehen…Als wir die Kirche betraten, welche nicht mehr der Glorifizierung des Katholizismus dient, sondern nun als Raum für die Durchführung von indigenen Traditionen und Bräuche genutzt wird, fanden wir nur Touristen vor, die gafften und versuchten doch noch ein schönes Bild für das daheim gelassene Bilderalbum von einem alten Chamanen, welcher in einer unverständlichen Sprache Gebete runter rasselte, zu machen. Als Eindruck möchte ich diesen Ort nicht missen, doch das schlechte Gefühl bleibt.
Moralphilosophie und Begegnungen dritter Art…
Die ständige Polizei-, Militär- und Paramilitärpräsens ist schon ein wenig beunruhigend. Natürlich brauchen sich Touristen oder wir auch keine Sorgen um ihre Sicherheit machen, die Stadt ist absolut sicher, aber man läuft mit einem komischen Gefühl in der Magengegend durch das Zentrum, da überall Polizisten oder andere Sicherheitskräfte stehen (eine klare Linie zwischen diesen Gruppierungen zu ziehen ist quasi unmöglich da sich alle ähneln und man denken könnte, dass ein Polizist tausend Mal geklont wurde), welche mit Maschinengewehren, Pistolen oder anderen Utensilien ausgerüstet sind. Als wir in einem canioneta (Truck mit Ladefläche) auf dem Weg nach Rancho Nuevo waren, Rancho Nuevo ist eine riesige Grotte, fuhren ca. zehn Lastwagen an uns vorbei, auf welchen jeweils 20 Soldaten saßen, ausgerüstet mit Kriegsgeräten. Allesamt waren auf dem Weg z verschiedenen indigenen comunidates. Der Staat möchte absolut sichergehen, dass so etwas wie 1994 nicht noch einmal passiert. Als der zapatistische Aufstand und Widerstand begann, um für mehr Rechte für die Nachfahren der Ureinwohner Amerikas zu kämpfen.
Die Moralvorstellungen sind nicht mit denen der Deutschen zu vergleichen.
In einem Land, in welchem Präsidenten durch Wahlbetrug und Korruption ins Amt gehoben werden, in einem Land, welches mehr als neunzig Prozent, der in den USA  konsumierten Drogen exportiert und in einem Land in welchem Menschenrechtsverletzungen gegen Indigene respektiert und staatlich vollzogen werden, will die Polizei dir abends klar machen, dass es unmoralisch sei auf der Straße zu knutschen…
Die ersten beiden Wochen hatten wir Sprachkurs. Unsere Lehrer waren Carlos und Jorge, zwei absolut lustige Kerle. Man konnte mit ihnen über Gott und die Welt reden. Politische aber auch andere Themen wurden angeschnitten. Carlos ist sich absolut sicher, dass bald alle Dämme reißen und bald eine Revolution beginnt, genauer gesagt 2010, zweihundert Jahre nach der Unabhängigkeit Mexikos und genau hundert Jahre nach der mexikanischen Revolution, bei der Millionen von Mexikaner ihr Leben lassen mussten. Die sozialen Unterschiede sind sehr krass ausgeprägt.
Wir verstehen uns so gut mit ihnen, dass wir uns sogar ab und zu mit ihnen zum cafecito (kleines Käffchen) treffen. Ich muss wirklich sagen, dass der Sprachkurs sehr effizient ist, da man immer sicherer Spanisch spricht. Das Spanisch in Mexiko unterscheidet sich aber vollkommen vom erlernten Schulspanisch.  Das neu gekaufte Radio trägt seinen Teil dazu bei die Sprache zu lernen, obwohl eigentlich die ganze Zeit nur irgendwelche Wahlwerbung läuft (in ein paar Tagen, genauer gesagt am 7. Oktober ist hier nämlich Bürgermeisterwahl) Und Wahlkampf wird hier anders geführt. Die Wahlkandidaten fahren durch die Straßen und verschenken Besen und das in großem Stil…nur benutzt sie keiner, denn in manchen Colonias (unsere inbegriffen) ist es schon verdreckt. Strassenhundehunde werden mit Wahlplakaten beklebt und behaengt – so sieht Wahlkampf aus.Die Projekte:
Das erste Projekt, in welchem Mitja und ich arbeiten werden heißt Melel Xojobal (übersetzt: wahres Licht) Das Projekt hat seinen Sitz im Zentrum, ca. 20 Minuten mit dem Fahrrad von unserem Haus entfernt. Mit dem Bus braucht man ein wenig länger, da er die erste Zeit nur im Schritttempo durch die Straßen schleicht, um Personen einzusammeln (Preis für den Bus: 4 Pesos pro Fahrt). Mit dem Taxi braucht man natürlich weniger Zeit, man bezahlt aber auch 18 Pesos. Aber trotzdem immer eine gute Option, wenn man verschlafen hat, was aber eher selten passiert.
Das  Projekt hat insgesamt drei Arbeitsfelder. Das Erste, Arrumacos widmet sich voll und ganz Kleinkindern. Man könnte es mit einem Kindergarten vergleichen. Die Kinder sind sehr scheu, aber wenn einmal das Eis gebrochen ist und sich die Kinder an dein Gesicht gewöhnt haben, ist es immer wieder toll sie zu treffen. Das Zweite versucht Jugendlichen die Chance zu geben ihre Computerkenntnisse auszubauen oder ihnen überhaupt erst eine Idee von diesen zu geben. Dabei haben wir auch schon geholfen. Das Dritte Feld nennt sich Calles (Straßen). Dies ist unser Hauptprojekt, in welchem wir von montags bis freitags von neun bis halb drei arbeiten. Insgesamt arbeiten achtzehn Personen in Melel, davon vier in Calles. Die Arbeit sieht wie folgt aus. Wir gehen in einem Team von drei Personen auf die Straßen von San Cristobal, genauer gesagt ins Zentrum, meistens direkt vor die Kathedrale und warten dort auf die Kinder. Alle Kinder wohnen nicht auf der Straße. Sie wohnen in verschiedenen Colonias, müssen aber ihre Eltern jeden Tag beim Arbeiten unterstützen. Sie arbeiten meistens als chicleros (Kaugummiverkäufer), als bolero (Schuhputzer) oder als Artesania-VerkäuferIN. Den Kindern sollen spezielle Werte vermittelt werden, um ihnen ein Leben in Würde möglich zu machen. Bildung erfahren die Kinder kaum. Der Besuch der    Schule erfolgt meistens ohne große Motivation, da sie ja den Rest des Tages arbeiten müssen oder sie dürfen die Schule nicht besuchen, da sie ihren Familien helfen müssen. Viele Kinder kennen das Projekt und freuen sich, dass ihr anstrengendes Arbeitsleben für einige Stunden unterbrochen wird und, dass sie endlich Kinder seien dürfen und nicht die Erwartungen von Erwachsenen erfüllen müssen. Letztens saßen wir zusammen mit den Kindern vor der Kathedrale und wir wurden von ihnen  zu einem lebenden Wörterbuch gemacht. „Kike, was heisst -kaufen- auf Englisch“ etc. Wir mussten hunderte von Fragen beantworten, nur damit die Kinder bei der Arbeit Ausländer auf ihrer Sprache ansprechen können und besser verkaufen können. Selbst in der Freizeit trifft man jederzeit Kinder auf der Straße. Man fühlt sich ein wenig als ob man die Pubertät ein zweites Mal durchlaufen würde, da man jederzeit Acht geben  und ein gutes Vorbild sein muss.
Die meisten Aktivitäten auf der Straße haben mit Malen zu tun. Wir setzen uns mit den Kindern auf eine riesige Plastikplane im Park und sie bekommen genaue Instruktionen. Natürlich besteht eine riesige Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis, da man Kinder nicht steuern kann, aber mit jedem Workshop soll den Kindern ihre Rechte als Kinder aber auch als Arbeiter vermittelt werden. Meiner Meinung nach ist dies auch die Hauptaufgabe des Projektes, da es auch Teil der „otra campana“ ist, der zapatistischen Bewegung, die durch Sozialprojekte versuchen die Welt und im Speziellen México ein wenig besser zu machen. Sie setzen sich mit dieser Kampagne zudem fuer eine bessere, gerechtere Verfassung und Gesellschaft ein. Guadalupe, eines der Kinder malte bei dem workshop „was möchte ich werden wenn ich mal groß bin“, dass sie mexikanische Präsidentin sein und verhindern würde, dass Kinder von ihren Eltern geschlagen werden – ein Spiegelbild der sozialen Situationen, denen die Kinder zu Hause ausgeliefert sind, da der Alkoholismus weiter verbreitet ist als die Vernunft und eine behutsame Erziehung.  Manchmal sind es zwanzig Kinder, manchmal zwei. Es kommt immer auf das Wetter und auf die Menge von Touristen an, ob die Kinder von ihnen Eltern die Erlaubnis bekommen bei unseren Aktivitäten zu partizipieren.
Die Tage sind genau durch strukturiert. Montag werden die Aktivitäten für die gesamte Woche geplant, jeden Dienstag, Donnerstag und jeden zweiten Freitag gehen wir auf die Straße. Jeden Mittwoch ist Filmtag. Kinder kommen ins Projekt und erhalten die Möglichkeit einen Film zu schauen und dabei Popkorn zu essen. Jeden zweiten Freitag gehen wir zusammen mit den Kindern auf einen riesigen Sportplatz und wir spielen mit ihnen Basketball, Fußball, Baseball oder andere Spiele. Es ist schon erstaunlich wie sich manche Kinder entwickeln und was sie für ein Selbstvertrauen während den sportlichen Aktivitäten aufbauen. Emiliano, ein zehnjähriger chiclero, der seinen Beruf für einen Tag wechseln wollte, sich von einem Freund alle möglichen Utensilien auslieh, um Schuhe zu putzen, diesen „job“ aber am gleichen Tag noch an den Nagel hing, weil er braune Schuhe mit schwarzer Schuhcreme einrieb, verblüfft mich vollkommen. Er spielt wie ein Profi.
Manche Kinder sind wirklich schon abgestumpft und an sie heranzukommen ist schwierig. Ihre Stimmung schwankt täglich. Es kann sein, dass man sehr gut mit ihnen reden kann, es kann aber auch passieren, dass sie hinter deinem Rücken auf tzotzil (eine der indigenen Sprachen in Chiapas) über dich sprechen und du dagegen nichts machen kannst. Viele der Mitarbeiter in Melel sind indigener Abstammung, weshalb in den Aktivitäten meist auch tzotzil gesprochen wird. Natürlich erschwert uns das die Arbeit, da die Kinder aber auch Verkäufer sind, sind sie der spanischen Sprache mächtig.
Wenn man die „Straßenkinder“ mit den Kindern aus dem zweiten Projekt vergleicht, werden zwei vollkommen unterschiedliche Gruppen eindeutig. Die Kinder aus Melel sind allesamt schon erwachsen. Sie müssen ihr Leben selber in die Hand nehmen. Die Kinder in Sueninos machen einen behüteteren Eindruck. Natürlich kommen sie genauso wie die Kinder aus Melel aus zerbrochenen Familienverhältnissen, aber durch den täglichen Schulbesuch  wird ihnen noch ein wenig Bildung vermittelt. Christian, der österreichische Chef von sueninos, der vor wenigen Jahren auf die Idee kam, ein Kindersozialprojekt zu gründen, versucht den Kindern durch das Prinzip Bildung, neue Zukunftsperspektiven zu eröffnen. Die Kinder kommen direkt um zwei Uhr nach dem Schulbesuch in Projekt an und erhalten zwei Malzeiten. Unsere Aufgabe ist es mit ihnen die Hausaufgaben zu machen und mit ihnen zu spielen. Die Arbeit macht sehr viel Spaß, da dich die Kinder schon nach wenigen Tagen in ihr Herz geschlossen haben.
Das ganze Projekt hat als Ziel, dass die Kinder etwas aus ihrem Leben machen können und eben nicht den ganzen Tag auf der Straße arbeiten müssen. Manchmal ist es schon hart, wenn du den Kindern auf der Straße in die Augen schaust und genau weißt,
dass ihr Leben vielleicht nie eine Veränderung erfahren. Sie werden nie einen anderen Beruf haben, immer Kaugummis, Zigaretten verkaufen oder Schuhe putzen. Wir versuchen jedoch mit unserer Arbeit  alles  einen Wechsel einzuleiten. Denn das Prinzip heisst Hoffnung.
Aus diesem Grund erachte ich die Arbeit bei sueninos als sehr wertvoll. „Ob der Weg der Richtige ist“, so Christian, „wird man erst in ein paar Jahren sehen, auf das Ergebnis müssen wir warten“. Es ist ein langer Prozess, aber die Voraussetzungen sind erfolgsversprechend.
So, Bernhard, der letzte unserer Freiwilligen-WG ist nun auch endlich angekommen. Uns geht es allen gut und wir versprechen uns viel von dem Jahr…
Einen lieben Gruß aus dem wunderschönen San Cristobal de Las Casas, Chiapas, MexikoHendrik

Verfasst von: hendrikkussin | J000000Samstag07 16, 2007

langsames Ankommen…

So, ich konnte nun die ganze Zeit nicht schreiben, da wir uns momentan in der Eingewoehnungsphase der beiden Projekte befinden. Es steht viel Arbeit an, aber sie macht sehr sehr viel Spass. Jedermann denkt hier vor Ort man sei Gringo (Amerikaner/Tourist), wenn man aber die kleinen indigenen Kinder in der Innenstadt trifft, sie begruesst und dsie deinen Namen auch noch kennen, schauen dich genau diese Gringos an und wundern sich.

Anfangs war es schon schwierig in dieses Gemisch von Kulturen einzutauchen. HIer gibt es nicht DIE mexikanische Kultur, es handelt sich viel mehr um eine Mischung von verschiedenen Kulturen. Man findet die Mestizen, die Touries, die Hippies, die Indigenen und diejeniegen Freiwilligen, die hier arbeiten und nur eine bestimmte Zeit bleiben, vor.

Momentan laeuft einfach alles bestens. Bernhard, der vierte und letzte Freiwillige ist gestern angekommen…die Zimmer wurden verteilt.Jetzt muss ich los, kochen…

Verfasst von: hendrikkussin | J000000Sonntag07 16, 2007

indigene Kultur

2. September

 

Es regnet nicht…welch Freude, da momentan Regenzeit ist und man ab zwei Uhr damit rechnen muss, dass es sich zusammen zieht und sich ein unglaublich wuetender Regenschauer ueber einem ergiesst.

-Besuch im Maya-Museum-

-Chamula / comunidad indígena- gleich nach der Ankunft wurden wir von zwei kleinen Maedchen „erwartet“, die uns umbedingt artesania-Krimmskrams verkaufen wollten. Die ganze Stadt wimmelt nur so von Indigenen, die dem ankommenden Meer von Touristen etwas andrehen wollen. Selbstgewebte Stoffe, Tuecher, alles selbst hergestellt. Diese Stadt lebt oder vegetiert  vom Tourismus. Ueberall wird man nach Geld oder Zigaretten gefragt, selbst die Hunde schrecken vor nichts zurueck. Die Kirche, in der die Indigenen vor der Fassade des Katholizismus ihre Traditionen bewahren und pflegen, ist atemberaubend. Die unglaubliche Aura dieses Raumes wird durch ein Kerzenmeer und ausgelegte Tannennadeln aufgebaut. Man kommt sich schon sehr schlecht vor, wenn man als „Tourist“, die wir im eigentlichen Sinne ja gar nicht sind, in diese Orte oder im Speziellen in diese Kirche kommt. Wenn man sich vorstellt in einer deutschen Kirche beim Beten von irgendwelchen Fremdlingen, die das Geld in die Stadt bringen begafft und begutachtet zu werden, ueberkommt einem ein komisches Gefuehl. Man koennte es mit einem Zoobesuch vergleichen…

Verfasst von: hendrikkussin | J000000Sonntag07 16, 2007

Irgendwann in Mexiko

28.08.2007

 

Irgendwann in Mexiko

Angekommen in Cancún wurden wir von einer Luftfeuchtigkeit ueberrascht, die ausserhalb jeglicher Vorstellungskraft lag. Der Flughafen wimmelte nur so von privaten Sicherheitsbeamten, allesamt hatten gerade vielleicht den Weg zur Pubertaet beschritten. Das erste Problem, dass auf uns zu kam, war, dass Leonie bei der Gepaeckabfertigung ihren Rucksack nicht finden konnte. Leider stellte sich sehr schnell heraus, dass dieses Problem fundamental für unsere Weiterreise nach Chiapas sein sollte. Wir konnten die Reise nicht antreten. Jegliche Bestechungsversuche ( ich gab dem Kind eines Beamten einen Leuchtstab, die ich aus Deutschland mitgebracht hatte ) schlugen fehl. Zum Glueck half uns eine Freundin einer Bekannten, die wir waehrend des Fluges kennen gelernt hatten, deren Name mir leider entfallen ist. Wir fuhren mit dem Bus nach playa del Carmen, einem anderen grossen Mekka fuer amerikanische Touristen. Auf der Fahrt zu dem amerikanischen Mallorca. Mexiko erinnert mich an ein laengst vergangenes Amerika. Die Strassen zwischen den grossen Staedten, in denen das Geld regiert, sind allesamt heruntergekommen und werden von gelben Licht, das den Weg auf die Strasse findet, gespeist.

Die Mexikaner, oder wenigstens derjenige Teil dieser grossen Nation, der am Machthebel sitzt, besitzen eine komische Doppelmoral. Auf der einen Seite erbauen sie riesige Hotel – und Kasinokomplexe, die nachts angestrahlt werden und dem Stil der alten traditionellen Mayatempel nachempfunden wurden. Auf der anderen Seite unterdrueckt man genau diese Kultur, die Abkoemmlinge der Mayas, die Indígenas, um den Weg fuer Wachstum zu ebnen. Tradition spielt dann naemlich keine Rolle mehr.

Angekommen in Playa del Carmen wurde uns eines eindeutig. Naemlich, dass sich die Menschen vor Ort vollkommen auf den Tourismus eingestellt haben, was bedeutet, dass man sie abzocken kann. Ich erwaehnte in einem Gespraech mit einer Kassiererin am bahnhoff, dass sie bitte fair mit uns umgehen sollte, da wir Deutsche seien und keine Amerikaner. Brachte aber vollkommen nichts; die Tickets blieben teuer, aber da steckt man nicht drin. Was soll man da machen in einer Stadt, die bestimmt wird durch leichte Maedchen mit genauso leichten wie kurzen Roecken, von Menschen, die dir jegliche Form von chemischen sowie pflanzlichen Drogen andrehen wollen und spaeter beleidigt sind wenn man dankendd ablehnt, und von Kunstpalmen, die mit flouriszierendem Licht den Abendhimmel naehren.

Aber es gibt auch Ausnahmen. Wir trafen einen Mexikaner, der vor dem Hostel sass, welches uns spaeter den Abend retten sollte.“Habebier“, so sagte er hiess er. Vielleicht auch nur ein Spaesschen, da er fuer mehrere Jaehre die Vorteile des deutschen reinheitsgebot auskosten konnte. Wir gingen zusammen mehrere Corona trinken und schnell wurde eindeutig, dass wir ihm trauen konnten. Er erzaehlte uns ueber seine Vorlieben fuer grosse Frauen, die eben nicht alle von uns teilen konnten. Angekommen im Hostel, erinnerte es mich doch sehr an irgendeine Absteige in Thailand. Ueberall abgeranzte Ventilatoren, eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit und schwitzende Koerper auf ebenso verschwitzten Matratzen, die halbnackt irgendwie versuchten die Nacht zu uebestehen.

Verfasst von: hendrikkussin | J000000Donnerstag07 16, 2007

Dokumentationen

Habe gerade zwei sehr interessante Dokumentationen verlinkt.

Die Namen: „A place called Chiapas“ und „the fourth world war“, sie handeln über viele momentane Konfliktzonen der Welt, die vielleicht nicht oft durch den Medienapparat wandern, jedoch viele Menschen betrefen; wie gesagt, nur zu empfehlen…

Ihr findet die Links auf der Rechten Seite meines Blogs oder direkt hier:

http://www.tv-links.co.uk/video/9/5610/8357/53589/77420#

http://video.google.de/videoplay?docid=-6059274620628081943&q=the+fourth+world+war&total=256&start=0&num=10&so=0&type=search&plindex=0

Verfasst von: hendrikkussin | J000000Donnerstag07 16, 2007

Militärpräsenz in Mexiko

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